Man stelle sich vor: Da sitzt eine Frau in Linz, künstlerische Leiterin eines Puppentheaters, und schreibt in einer Zeitung nieder, was Kasperl, ein Drache namens Basti und ein gewisser Seppy auf einer fiktiven Insel erleben. Klingt nach einer Stellenanzeige für die Theaterkasse, ist aber offenbar das, was man hierzulande als „Gastkommentar" verkauft, sobald die eigene Reichweite die der Bühne übersteigt. Zwei Piraten buddeln nach einem Schatz, finden aber stattdessen Wasser, weil der Drache seine Drachenzuckerl im Sand versteckt hat. Wie dramatisch. Wie überraschend. Wie noch nie dagewesen in der gesamten Menschheitsgeschichte.
Die Pointe, die uns die künstlerische Leitung da auftischt, ist natürlich von bestechender Originalität: Der wahre Schatz sind nicht die materiellen Dinge, sondern das, was wir für selbstverständlich halten. Aha. Wasser. Luft. Liebe. Dach über dem Kopf. Funktionierende öffentliche Infrastruktur. Dinge, die einem halt erst auffallen, wenn sie fehlen. Das ist in etwa so revolutionär wie der Hinweis, dass Feuer heiß ist und Eiscreme im Sommer schmilzt. Aber gut, wir sind in Österreich, da wird die Tiefschürfendheit gern mit dem Holzhammer serviert, Hauptsache, das Publikum klatscht am Ende brav.
Interessant ist allerdings die Frage, warum dieser dramaturgische Erguss ausgerechnet in einem Medium landet, das einem die ersten paar Sätze vorenthält und dann auch noch freundlich darauf hinweist, dass man ein Abo abschließen müsse, um zu erfahren, wo denn nun der wahre Schatz sei. Man könnte glatt auf die Idee kommen, der wahre Schatz sei das Abo selbst, und alles andere sei nur Marketing-Garn, um die Menschen bei der Stange zu halten. Während die Piraten also nach Wasser buddeln, bud delt die Medienlandschaft nach Klicks, Abo-Verträgen und dem letzten Tropfen Aufmerksamkeit, der sich noch zu Gold machen lässt.
Und dann ist da noch die Inszenierung an sich. Ein Drache, der Drachenzuckerl im Sand verbuddelt, damit sie ihm niemand wegnimmt. Das ist die ökonomische Logik eines Kleinkindes im Sandkasten, und wir sollen das jetzt als Vorlage für Lebenserfahrung nehmen. Die Piraten graben, werden durstig, und finden Wasser. Lektion gelernt: Wer zu lange nach dem Falschen gräbt, wird irgendwann belohnt, indem er das Richtige findet. Das ist die Art von Schicksalsgläubigkeit, die man sich am Stammtisch gern mit einem Achterl Wein genehmigt, nicht aber in einer Zeitung, die einem gleichzeitig weismachen will, sie sei objektiv und unabhängig.
Vermutlich steckt dahinter ein kühner pädagogischer Schachzug: Wenn schon die Erwachsenen nicht kapieren, dass Wasser mehr wert ist als Gold, dann klären wir das halt über das Puppentheater. Die Kinder werden es schon richten, und die Eltern zahlen brav den Theaterbesuch, die Zeitung und das Parkpickerl. Am Ende sitzt die ganze Familie im Stammtisch-Modus und nickt weise, während der Drache seine Zuckerl zählt, die er längst im falschen Sandkasten vergraben hat. So schließt sich der Kreis: Der wahre Schatz ist immer das, was man nicht bezahlen muss, aber trotzdem bezahlt.