Es gibt Schauspieler, die sterben, und die Kulturseite füllt sich drei Tage lang mit Elogen, in denen jeder Kollege beteuert, wie unfassbar eng man befreundet war. Und es gibt Schauspieler, bei denen der Nachruf sofort zur Verwechslungskomödie wird. Michael Mendl gehörte zur zweiten Sorte, und zwar mit einer Konsequenz, die fast schon wieder künstlerisch wirkt. Der Mann war jahrzehntelang das deutsche Wohnzimmer schlechthin, nur dass die Republik dachte, er putze die Wände, während er in Wahrheit Papst, Kanzler und Bunker-General gab. Eine Karriere wie ein Hörspiel im Kopfhörer, das immer dann einsetzt, wenn die Fernbedienung zu weit weg liegt.
Was bleibt, ist die schöne Anekdote, die er selbst erzählte und die nun zur Grabschrift wird. Irgendeine Dame in München sprach ihn an, weil er mit Gartenabfällen verdächtig nach dritter Rolle aussah, und er antwortete galant, sie kenne ihn aus dem Wohnzimmer oder Schlafzimmer, je nach Standort des Fernsehers. Die Dame hörte Wohnzimmer, dachte Malerkittel, grüßte freundlich und ging. Fertig ist die Szene, die eigentlich in jeden Nachruf gehört, weil sie die ganze Misere der TV-Gesellschaft in vier Sätzen zusammenfasst: Wir erkennen alles, wir verstehen nichts, und wir sind fest davon überzeugt, dass die Welt da drüben genauso funktioniert wie bei uns daheim.
Dabei war Mendl ein Spätzünder im besten Sinne. Mit neunundvierzig erst zum Film, vorher ein Vierteljahrhundert Theater, vorher eine Kindheit, die klingt wie das Drehbuch zu einem Sozialdrama der fünfziger Jahre. Vater Pfarrer, der die Mutter versprach und dann eine andere nahm, der Sohn wanderte von Tante zu Tante und fand seine Heimat am Bahndamm, weil die Stahlseile der Stellwerke für ihn Musik waren. Wer so anfängt, hat später entweder lebenslang Therapie oder ein wirklich brauchbares Material für Charakterrollen. Mendl wählte die Filmografie. Beides war vermutlich im Angebot.
Die Pointe seines Berufs lag darin, dass er genau wusste, was er war und was nicht. Kein strahlender Liebhaberheld, sondern Charakterheld, die schweren, die bösen Rollen, der Typ, den man beim Tatort als Wüstenrot-Finanzbeamten mit Geheimnis besetzt. Diese Bescheidenheit ist in der Branche etwa so verbreitet wie ein Schauspieler, der freiwillig auf den roten Teppich verzichtet, also nahezu nicht. Aber gerade deshalb funktionierte er, weil das Publikum die Mischung aus Präsenz und Selbstironie belohnte, auch wenn es ihn weiterhin für den Putzmann hielt.
Bemerkenswert war zuletzt sein offenes Eingeständnis, dass die Rollenangebote weniger wurden. Das macht ein bisschen traurig, hatte er gesagt, und das war einer der seltenen Momente, in denen das deutsche Fernsehen einmal nicht den Schauspieler, sondern den Menschen zu sehen bekam. Ein 82-Jähriger, der zugibt, dass er weniger gebraucht wird, ist im Showgeschäft ungefähr so häufig wie ein Hauptkommissar, der den Fall wirklich in achtundvierzig Minuten löst. Beides existiert nur in der Legende.
Was am Ende bleibt, ist ein Mann, der den Regenwald retten wollte und im Bunker von Der Untergang die Stirn runzelte, und der dazwischen immer wieder in Wohnzimmern herumstand, ohne dass jemand wusste, warum. Vielleicht ist das die ehrlichste Form von Berühmtheit, die diese Republik zu bieten hat. Man wird gesehen, aber nicht erkannt, man wird geliebt, aber nicht beim Namen genannt, und wenn man geht, schreibt die Branche fromm, dass man unersetzlich sei, während sie in Wahrheit längst den nächsten Charakterhelden castet. Möge er wenigstens im Himmel ein strahlender Liebhaberheld sein, dann hat die irdische Bescheidenheit wenigstens ein Ende.