Es gibt Organisationen in diesem Land, die sind wie die selbsternannten Wächter der Vernunft: immer dann zur Stelle, wenn ein Missstand entdeckt werden muss, am liebsten bei anderen. So ein Verein kürzlich das Tarifsystem an heimischen Ladesäulen unter die Lupe genommen und ist, man höre und staune, auf erstaunliche Preisunterschiede gestoßen. Manche Anbieter verlangen für die gleiche Kilowattstunde mal eben so viel, wie ein Wiener Würstel beim Würstelprater kostet, andere wiederum so wenig, dass man fast schon misstrauisch wird.
Die Sache hat allerdings einen Haken, und der ist so österreichisch wie der Kaffee um zehn Uhr vormittags: Der Verein, der da so wortgewaltig auf den Putz haut, betreibt nämlich selbst Ladestationen. Und genau dort, wo man als Mitglied am allerwenigsten draufzahlen sollte, ist die Luft besonders dünn. Das ist ungefähr so, als würde der Wirt vom Dorfgasthaus die Preispolitik der Wirte im Nachbardorf kritisieren und gleichzeitig seine eigene Karte mit einem Aufschlag für die schöne Aussicht servieren.
Natürlich lässt sich das alles wunderbar als reine Aufklärungsarbeit framen. Man wolle die Konsumenten schützen, man wolle Transparenz, man wolle den Wettbewerb beflügeln. So steht es vermutlich in der Presseaussendung, die in derselben Sekunde an die Redaktionen rausgeht, in der die Studie erscheint. Was dabei verschwiegen wird: dass man am liebsten die Standards selbst diktieren würde, nach denen die anderen ihre Tarife zu setzen haben. Willkommen in der Welt der wohlmeinenden Empfehlungen, die immer zufällig in die eigene Geschäftslogik passen.
In Österreich muss man so etwas nicht bös glauben, sondern einfach nur typisch finden. Es ist die alte Hofratsmentalität, die jetzt mit Elektroauto und Ladekarte wiedergeboren wurde: Ich darf alles, was ich tue, und ich darf auch alles kommentieren, was die anderen tun. Vor allem dann, wenn mein eigener Laden nicht ganz so vorbildlich läuft, wie es die Sonntagsrede verspricht. Wer als Mitglied an der eigenen Säule steht und plötzlich den halben Wochenendeinkauf in den Strompreis mitfinanziert, lächelt tapfer und streicht sich den Mobilitätsbonus auf der Karte glatt.
Besonders apart ist die Idee, dass ausgerechnet jene, die Tarifdschungel beklagen, selbst gleich mehrere Tarife im Programm haben. Da gibt es den Tarif für Mitglieder, den Tarif für gelegentliche Nutzer, den Tarif für spontane Touristen und den Tarif, den niemand kennt, weil er nur gilt, wenn man bei Vollmond an einem Feiertag mit einem Mietwagen aus Vorarlberg kommt. So entsteht keine Transparenz, sondern eine eigene kleine Tarif-Welt, in der der Konsument zwischen den Säulen herumirrt wie ein Nachtwanderer ohne Karte.
Die Pointe schreibt sich am Ende fast von selbst: Wer den Dschungel kritisiert, sollte nicht gleichzeitig ein neues Kapitel dazu beitragen. Aber das ist in diesem Land vermutlich zu viel verlangt, weil Empörung über andere ja so wunderbar günstig ist. Sie kostet keinen Strom, keinen Nerv und vor allem nichts an der eigenen Säule.