Es klingt wie eine Revolution, ist aber vermutlich nur gut kalkulierte Marketingabteilung. Da stehen also Models am Lido herum, schauen aus wie von einer Hochglanzretusche persönlich gesegnet, und das Geheimnis dahinter ist nicht etwa ein dreistelliger Stundenlohn, sondern schlicht und ergreifend Spitze aus dem Regal, in dem sonst die Schwiegermutter ihren Lieblings-BH kauft.
Man darf sich das in etwa so vorstellen wie den Moment, in dem der Hausverstand begreift, dass ein fünfzig Euro teures Sommerkleid vom Diskonter am selben Abend getragen werden kann wie am Tag darauf auf dem Heurigen. Nur eben teurer, mit einem Hauch Kaschmir, und die Verkäuferin nennt es plötzlich Nude Look Collection, als wäre das eine eigene Kunstform.
Die Botschaft, die uns diese Kollektion mit auf den Weg gibt, ist so simpel wie radikal: Schluss mit der elitären Schnödelei, endlich darf auch die Sachbearbeiterin aus dem Finanzamt mit demselben Stoff vor ihrem Sachbearbeiter glänzen, mit dem zuvor noch Alessandra Ambrosio die Kameras blendete. Wenn das kein sozialer Aufstieg ist.
Was bei der Sache natürlich völlig unterschlagen wird, ist der kleine, aber feine Unterschied zwischen Supermodel und Supermarkt-Einkauf. Die eine trägt die Sachen mit dem Selbstverständnis einer Königin, die andere mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die weiß, dass die Katze den Kaschmirpulli trotzdem wieder zerkratzt. Das eine ist Haute Couture, das andere ist Hauptgewinn, und beide sollen plötzlich identisch aussehen, wenn man es nur richtig kombiniert.
Natürlich darf man sich jetzt fragen, was das eigentlich über die Modewelt aussagt, wenn der größte modische Trick unserer Zeit darin besteht, Dessous sichtbar unter dem Kleid zu tragen und das Ganze dann als Statement zu verkaufen. Aber wer fragt schon gerne, wenn die Botschaft so bequem ist. Lieber schnell das Bustier aus der Schublade gezogen, über den Pulli drapiert, fertig ist das eigene kleine Filmfestival im Wohnzimmer.
Die vermutlich größte Leistung dieser Strategie besteht allerdings darin, dass man es tatsächlich schafft, Dessous als demokratisches Accessoire zu verkaufen. Jahrelang galten sie als das letzte Geheimnis der Frau, nun sind sie offenbar das erste, das man bei der Begrüßung preisgibt. Man darf gespannt sein, wann die ersten Bustiere in der Wiener U-Bahn auftauchen, mit einem dezenten Schildchen des Labels, als wäre es ein politisches Manifest.
Was am Ende bleibt, ist die beruhigende Erkenntnis, dass Glamour auch in Zukunft nicht vom Geldbeutel abhängt, sondern nur davon, mit welcher Selbstverständlichkeit man seine Wäsche nach draußen trägt. Wer das nicht glaubt, soll sich einfach vor den Spiegel stellen, tief durchatmen und so tun, als wäre Venedig gleich um die Ecke. Die Models machen es ja auch nicht anders, nur mit mehr Visagisten und weniger Katze.