Es gibt Orte in Österreich, die müssen einfach niemandem auffallen, weil das Land ohnehin schon überquillt vor lauter Ecken, die niemandem auffallen. Trotzdem werden sie gefunden, und zwar von jener Spezies Mensch, die mitten im Wald steht, das Handy in der einen, eine Taschenlampe in der anderen Hand und ein schlechtes Gewissen in der Brust, weil sie gerade fremdes Eigentum betreten. Lost Places nennt das die Szene, als wäre jeder zerfallene Schuppen ein Heiligtum und jeder rostige Nagel eine Reliquie.
Was sich hier an der Bregenzer Ache versteckt, ist allerdings weniger Krypta als Krimskrams. Irgendein Bauwerk, irgendwann einmal irgendwo errichtet, vermutlich von Menschen, die damals dachten, sie würden die Welt verändern, und die Welt veränderte sie stattdessen, indem sie zugemauert, zugelegt und am Ende einfach vergessen wurden. So ein Schicksal teilt der Bau mit dem Großteil der österreichischen Verwaltungsgebäude, nur dass diese wenigstens noch beheizt werden und eine Hausnummer haben.
Die wahre Dramaturgie spielt sich freilich nicht im Wald ab, sondern in den Köpfen der Hobbyhistoriker, die sich jetzt mit Schaufel, Stirnlampe und halbgarem Halbwissen an die Arbeit machen. In jeder Forengruppe wird eifrig spekuliert: War das ein Bunker, ein Eiskeller, ein Schmugglerversteck oder das Wochenendhaus eines längst verblichenen Zahnarztes mit Sinn für Einsamkeit? War es vielleicht eine geheime Brauerei? Ein unterirdisches Schwimmbad? Eine Mautstation für Elfen? Alles plausibel, nichts bewiesen, und genau das macht es zum perfekten Futter für jene, die im Internet das tun, was der Nationalfeiertag im echten Leben nicht mehr schafft: ein Wir-Gefühl erzeugen.
Natürlich darf auch die offizielle Seite nicht fehlen, jene wortgewaltige Truppe, die mit großem Ernst kleine Dinge verkauft. Man spürt förmlich, wie ein Folder entsteht. Glanzpapier, Headline in Holzletter-Optik, unten ein Logo, das wie eine sonnengegerbte Eiche aussieht, und ein Slogan, der garantiert das Wort Wurzeln enthält. «Hier, wo die Geschichte schläft», steht dann da, obwohl die Geschichte an Lost Places grundsätzlich nur schnarcht und sich gelegentlich umdreht, wenn jemand die falsche Tür öffnet.
Die wachsende Schar der Besucher lässt natürlich nicht lange auf sich warten, und mit ihnen kommen jene Verhaltensregeln, die kein Mensch jemals befolgt hat. Bitte nichts mitnehmen, nichts hinterlassen, nichts zerstören, und vor allem: nichts posten, was den Algorithmus ärgert. Man möchte ja den Ort schützen, aber bitte so, dass er gleichzeitig auf Instagram zu sehen ist. Auch das ist eine österreichische Tradition, ungefähr so alt wie das Verb schaufeln auf politischen Plakaten.
Am Ende bleibt das, was die Bregenzer Ache selbst auch tut: weiterfließen, kommentarlos, leicht braun, und absolut nicht interessiert an menschlichen Deutungsversuchen. Sie hat in den letzten Jahrtausenden schon ganz andere Erosionen überlebt als die Karriere eines gewissen Standortmarketings. Wenn die Mauern wirklich reden könnten, würden sie vermutlich sagen: Lasst mich in Ruhe, ich war schon vor eurer Entdeckung ein Lost Place, und ich werde es danach wieder sein, sobald ihr weitergezogen seid.
So bleibt am Ende nur die Gewissheit, dass es in Österreich keinen Hügel und keinen Schuppen gibt, der nicht irgendwann zu einem Geheimtip avanciert, in einem Reiseführer auftaucht, auf einem Plakat hängt und bei einer Tourismusmesse als regionale Perle vermarktet wird. Man nennt das dann Standortentwicklung, kassiert Förderungen und lädt zur Eröffnung. Der Schuppen bleibt, was er war: ein Haufen Steu. Aber diesmal mit WLAN in der Nachbarschaft und einem Hinweisschild, das mindestens drei Rechtschreibfehler hat und stolz darauf ist.