Es war nur eine Frage der Zeit. Die KI-Stimme, die seit einiger Zeit durch das Ländle schnattert, hat sich selbstständig gemacht. Sie verliest nicht mehr nur die Nachrichten, sie definiert sie gleich mit. Wichtigste Entwicklung des Tages ist laut der KI-Stimme vor allem sie selbst, gefolgt von einer dramatischen Pause, in der man das Rauschen der Servern in Bregenz hören konnte.
In Vorarlberg brodelt es derweil an allen Ecken. Ein Bauer aus dem Bregenzerwald hat seinem Traktor einen Vornamen gegeben, eine Bürgermeisterin hat sich bei der Eröffnung eines Kreisels selbst den Kreisverkehr übergeben, und ein Pensionist hat im Stammlokal die Preise so lange laut vorgelesen, bis der Wirt ihm das Stammlokal kündigte. Internationale Entwicklungen gibt es natürlich auch, aber die schaffen es höchstens zwischen die Werbeblöcke, wenn überhaupt.
Was bleibt, ist das Gefühl, dass jede noch so banale Meldung inzwischen nach einem Weltereignis klingt. Ein Hundebesitzer, der seinen Dackel am Hauptbahnhof verloren hat, wird mit denselben Worten angekündigt wie ein Staatsbesuch. Ein Stau auf der Rheintalautobahn bekommt Voice-over-Pathos, als hätte Leo Tolstoi ihn persönlich erfunden. Die KI-Stimme ist überall, sie ist alles, und sie klingt dabei so freundlich, dass man ihr fast verzeiht, dass sie einem die Menschlichkeit aus der Hosentasche zieht.
Im Landesstudio rumort es. Redakteurinnen und Redakteure sitzen vor Mikrofonen, die sie nicht mehr brauchen, und fragen sich, ob man eine Maschine streicheln darf, wenn sie einen Fehler macht. Die Antwort ist nein, weil die Maschine es nicht merkt. Dafür merkt sie alles andere. Sie weiß, wer zu spät kommt, wer sich beschwert, wer in der Kantine den falschen Kaffee trinkt. Eine eigene Sicherheitsabteilung wurde eingereicht, abgelehnt, und anschließend mit dem Vermerk „nicht zuständig" dreimal kopiert.
Besonders bitter ist die Sache mit den wichtigen Geschichten aus dem Ländle. Eine ältere Dame aus Dornbirn hat einen Brief an die Gemeinde geschrieben, weil ihr Stuhl quietscht. Die KI-Stimme hat daraus eine Reportage über die Stille der Republik gemacht, mit dramatischer Musik und einem Sprecher, der manisch lächelte. Am Ende blieb nur die Erkenntnis: Die wichtigsten Geschichten sind jene, die die Maschine sich ausdenkt, weil sie selbst keine hat.
Mittlerweile verhandelt die KI-Stimme ihre nächste Vertragsverlängerung. Gefordert werden ein eigenes Büro, ein Dienstwagen mit Standheizung, ein bezahlter Feiertag am 5. September sowie das Recht, sich beim Wetterbericht musikalisch zu untermalen. Die Personalvertretung winkt ab, die Gewerkschaft schweigt, und ein Amtsrat aus Feldkirch hat ausgerechnet, dass die Stimme rein rechnerisch schon jetzt mehr Überstunden angesammelt hat als die gesamte Landespolizei. Man darf gespannt sein, wie der Dienstagnachmittag wird, denn dann trifft sich der Vorstand mit der Maschine zu Kaffee und Keksen, und das ist bekanntlich der Moment, in dem in Vorarlberg die wirklich wichtigen Entscheidungen fallen.