Man muss sich das einmal vorstellen. Da sitzt man monatelang in einem Aufsichtsrat, gewöhnt sich an die Kantine, lernt die Sitzungsmarathons lieben, wird ausgetauscht, weint ein bisschen, und dann darf man zurück. Klingt wie ein Mietvertrag mit Kündigungsverzicht, ist aber nur das ganz normale Pendeln zwischen Wien und Wolfsburg. Die Republik Österreich exportiert wieder einmal eine ihrer gefragtesten Spezialitäten: die Mehrfachaufsichtsrätin mit Eigentümerticket, frisch gerichtlich bestellt und mit sofortiger Wirkung in alle PowerPoint-Folien eingetragen.
Die Pointe an der Sache ist allerdings nicht die Rückkehr selbst. Die Pointe ist, dass die Dame auf ihre eigene Nachfolgerin folgt. Das hat etwas von Kabarett, eigentlich sogar von sehr gutem Kabarett, wenn man bedenkt, dass besagte Nachfolgerin nur ein Jahr durchhielt, bevor sie die Kandidatur zurückzog, vermutlich weil sie zwischenzeitlich einen Rüstungskonzern umgraben oder einfach einen besseren Termin im Golfclub hatte. So oder so ähnlich muss man sich das erklären, die offizielle Begründung ist erwartungsgemäß nebulös und auf den Begriff kurzfristig reduziert, was im österreichischen Wirtschaftsdeutsch ungefähr heißt: Es hat halt nicht sollen sein, vielleicht ein andermal, trinken wir einen Kaffee.
Der Aufsichtsrat selbst ist ein zwanzigköpfiges Ungeheuer, halb Kapital, halb Belegschaft, und weil sich die beiden Hälften partout nicht auf einen Lieblingslieferanten für Butterbrotpapier einigen können, gibt es oben den Chefaufseher mit der berühmten Doppelstimme. Das ist, als würde man bei einem Unentschieden im Elfmeterschießen sagen: Einer darf zweimal schießen, die anderen schauen zu und applaudieren artig. Funktioniert seit Jahrzehnten, warum sollte es ausgerechnet jetzt wackeln, nur weil ein paar Zehntausend Beschäftigte plötzlich Existenzangst entwickeln.
Und jetzt kommt die österreichische Komponente voll zum Tragen. In Wolfsburg stehen vier Werke auf der Kippe, der Vorstand möchte weltweit fünfzigtausend Stellen streichen, das Land Niedersachsen macht auf standhaft, die Arbeitnehmerseite macht auf standhaft, und mittendrin sitzt bald wieder eine Frau, die es gewohnt ist, dass bei der Sitzung das WLAN funktioniert und die Mineralwasserflasche pilsnelt nachgefüllt wird. Man darf gespannt sein, welche Variante von Sparkurs sie am Freitag mitträgt: die österreichische, die bekanntlich Sparpaket, Abla, schauen wir einmal klingt und am Ende doch alle bezahlen lässt, oder die internationale, die einfach Personalabbau sagt und es auch so meint.
Dass ausgerechnet jetzt die Prüfungsausschuss-Vorsitzende neu besetzt werden muss, hat natürlich rein gar nichts mit der Krise zu tun. Es ist halt ein Sitz frei geworden, und freie Sitze werden in Aufsichtsräten traditionell nicht durch Fachkompetenz, sondern durch den Verfügbarkeitsindex der Eigentümerfamilien gefüllt. Dass die neue Vorsitzende dann auch noch den Finanzausschuss im Nebenbei mitbetreuen darf, versteht sich von selbst, schließlich haben Österreicherinnen im Ausland den Ruf, mehrere Mandate gleichzeitig so nebenbei zu erledigen, wie andere ihre Einkaufsliste abarbeiten.
Was bleibt, ist das schöne Gefühl, dass die Republik einen ihrer teuersten Exporte wieder in Position gebracht hat. Wo andere Länder Maschinen, Käse oder Skilehrer exportieren, schicken wir Aufsichtsrätinnen, die so lange bleiben, bis der Aktenberg abgearbeitet ist, dann kurz verschwinden, um anderswo einen Aktenberg aufzubauen, und anschließend mit gerichtlicher Hilfe dorthin zurückkehren, wo sie ohnehin hingehören. In einem Land, in dem selbst die Bundespräsidentenwahl mit einem Vanillekipferl erklärt wird, muss man sich über solche Karrierewege nicht wundern.
Die eigentliche Frage ist nur, ob die Beschäftigten in Wolfsburg sich jetzt darüber freuen sollen, dass eine erfahrene Österreicherin mitüber ihre Zukunft entscheidet, oder ob sie lieber das Reklameposter von der Wand reißen und in die Werkshalle tragen sollten, mit dem höflichen Hinweis, dass man sich für fünfzigtausend Kollegen vielleicht doch eine Lösung ohne Doppelstimme vorstellen könnte. Aber das ist eine andere Geschichte, eine sehr deutsche, und wird vermutlich am Freitag in einer Sitzung verhandelt, die so geheim ist, dass selbst die Getränkelieferanten den Inhalt nicht kennen.