Dass die UNO sich für eine korrekte Darstellung der Erde stark macht, hat ungefähr die Dringlichkeit eines Briefträgers, der bei Orkan die Hecke stutzt. Aber immerhin: 164 Staaten fanden es der Mühe wert, in einem Saal mit genug unterdrückter Langeweile, um die Sahara zu bewässern, den Finger zu heben und Ja zu sagen zu einer Karte, auf der Afrika endlich so groß aussieht, wie es halt ist.
Die sogenannte Equal Earth Projektion wurde von Togo und der Afrikanischen Union ins Spiel gebracht, und das ist schon fast eine Pointe für sich. Wenn ausgerechnet das Land, das die meisten UNO-Resolutionen auswendig kennt, weil es sie jedes Jahr höflich über sich ergehen lässt, jetzt ein kartografisches Ausrufezeichen setzt, dann hat das was Würdevolles. Es ist, als würde der Kellner im Stammcafé endlich sagen, der Kaffee sei seit dreißig Jahren zu dünn und er werde das jetzt ändern. Hut ab. Leider ohne Hut, weil in Togo Hutmoden traditionell niedrig sind.
Die USA haben dagegen gestimmt, was politisch betrachtet vollkommen logisch ist. Wer jahrzehntelang die Welt mit Dollar und Drohnen vermessen hat, der möchte auf der Landkarte nicht klein beigeben. Amerika war schon immer der Staat, der Maßstäbe setzt, und zwar ausschließlich die eigenen. Dass ausgerechnet jene Supermacht, die sich selbst gerne als unverzichtbar bezeichnet, jetzt gegen eine Projektion stimmt, die lediglich die Geografie korrekt darstellt, hat eine Schönheit, die kein Satiriker erfinden könnte. Es ist, als würde jemand den Zollstock ablehnen, weil er seinem Ego nicht entspricht.
Sechs Staaten enthielten sich, also sechs Diplomaten, die im stillen Kämmerlein dachten: Wenn wir jetzt zustimmen, müssen wir unsere Atlanten neu drucken, und wer bezahlt das? Das Budget für solche Extravaganzen ist bekanntermaßen aufgebraucht durch Kugelschreiber und die obligatorische Flaggenaktion vor dem Sitzungssaal. Enthaltung ist übrigens die diplomatische Form des Achselzuckens, nur stehender und mit Übersetzung.
Was an der ganzen Resolution besonders schön ist, ist die Vorstellung, dass internationale Organisationen jetzt aufgerufen werden, künftig bitteschön die korrekte Karte zu verwenden. Aufgerufen. Von der UNO. Aufrufend. Was natürlich sofort jeden Schüleratlas, jedes Schulwandbild und jeden Werbeplakathersteller in akute Panik versetzt, weil nichts teurer ist als die Aktualisierung von Kartenmaterial, das irgendwo in einem Keller liegt und seit 1997 vor sich hin fault. Man stelle sich vor, die Lehrer müssten am Elternsprechtag erklären, dass Grönland doch nicht so groß ist wie der gesamte afrikanische Kontinent, und entsprechend die bisherigen Aufsätze ihrer Sprösslinge korrigieren.
Dass die Welt überhaupt eine Projektion braucht, ist ja das eigentliche Problem, über das die Resolution elegant hinwegsieht. Die Erde ist eine Kugel, der Bildschirm ist flach, und die Mathematik ist eine gnadenlose Zicke, die immer irgendwo lügt. Früher hat man Mercator geopfert, dann Peters, jetzt also Equal Earth, und in zwanzig Jahren wird irgendwer Robinson ins Rennen schicken, weil eine Karte mit allen Fehlern wenigstens ehrlich ist.
Am Ende bleibt das schöne Bild einer Weltorganisation, die sich ernsthaft vornimmt, eine Landkarte zu beschließen, während sie bei deutlich dringenderen Fragen, etwa wer wo welche Waffen hält, routinemäßig auf die Bremse steigt. Aber gut. Wenn die UNO eines kann, dann Resolutionen. Und wenn sie zwei kann, dann Resolutionen mit Projektionen.