Im beschaulichen Donnerskirchen, wo normalerweise der Hahn kraht und die Dorfzeitung vor Aufregung ins Schwanken geraet, bahnt sich ein medizinisches Grossereignis an. Zwei Doktorinnen, beide mit Namen, beide promoviert, beide offenbar ungebrochen von der Vorstellung, freiwillig in eine Volksschule zu gehen, halten einen Vortrag ueber Atemwegserkrankungen. Die Einladung liest sich wie eine Mischung aus Katastrophenwarnung und Krankenhaus-Inserat, nur ohne das obligatorische Bild von laechelnden Menschen im Garten.
Man stelle sich das Szenario vor. Schulgasse 12, Mittwochabend, achtzehn Uhr. Die Tueren der Volksschule, normalerweise Hort kindlicher Kreide- und Pausenbrot-Eskapaden, werden aufgestossen, und herein schreitet das medizinische Aufgebot. Husten, Schleim, Atemnot. Klingt zunaechst wie die typische Lage nach einer Sonnwendfeier mit zu viel Sturm und zu wenig Vernunft, ist hier aber ausdruecklich als Vortragsthema gemeint. Wer jetzt an die hauseigene Erkaeltung denkt, liegt goldrichtig. Wer jetzt an die hauseigene Hypochondrie denkt, liegt noch richtiger.
Die Referentinnen, namentlich mit Doktortitel aufgefuehrt, als wuerde die Gemeinde sonst nicht glauben, dass es sich um echte Aerztinnen handelt, fuehlen sich vermutlich berufen, den Buergern und Buergerinnen von Donnerskirchen die schonungslose Wahrheit ueber ihre Bronchien nahezubringen. Achtzehn Uhr ist dabei eine kluge Wahl, weil man vorher noch in Ruhe das Wort des Tages im Kreuzwortraetsel loesen, sich beim Heurigen ein Glas holen und dann mit leichtem Schwung in die Volksschule wanken kann, wo einen die erlösende Diagnose erwartet.
Man darf sich fragen, was an einem Mittwochabend im September in Donnerskirchen normalerweise so los ist. Eben. Gar nichts. Die Buergerinnen und Buerger sind daher vermutlich schon jetzt in froher Erwartung, endlich wieder eine offizielle Veranstaltung mit Experten, Stuehlen und vielleicht einem kleinen Sackerl Bussi zu haben. Ob am Ende tatsaechlich nur ein paar harmlose Erkaeltungsviren thematisiert werden oder ob die Lage zwischen Pannonischem Tiefland und Hausarztpraxis doch dramatischer ist, werden die beiden Medizinerinnen schon aufklaeren.
Der Eintritt duerfte, wie es sich in einer gut gefuehrten Gemeinde gehoert, in Form von aufmerksamem Nicken, gelegentlichem Raeeuspern und dem ein oder anderen vorsorglich mitgebrachten Taschentuch beglichen werden. Wer nach zwei Stunden immer noch glaubt, gesund zu sein, hat entweder nicht richtig zugehoert oder ein Immunsystem, das in der naechsten Bezirksversammlung als Naturwunder vorgestellt werden sollte. Im Anschluss an den Vortrag empfiehlt sich der kollektive Spaziergang nach Hause, am besten durch frische Landluft, die hier zwar nicht verschrieben, aber immerhin grozügig verteilt wird. Donnerskirchen atmet durch, wie immer. Diesmal nur mit Belehrung.