Man stelle sich vor: Ein Konzern, der seit Jahren damit wirbt, das Immunsystem neu zu erfinden, entdeckt plötzlich, dass das Immunsystem auch den eigenen Aktionären gefährlich werden kann. Drei Studienteilnehmer sind tot, acht Studien werden auf Eis gelegt, und der Rest des Unternehmens macht weiter wie bisher, weil Stillstand bekanntlich teurer ist als Reputation.
Natürlich wird sofort geprüft. Das ist bei Konzernen so etwas wie das österreische Gebet vorm Mittagessen: Man senkt den Blick, faltet die Hände und hofft, dass es jemand mitbekommt. Prüfen heißt in der Pharmasprache: Ein paar E-Mails verschicken, die richtigen Berater engagieren und in PowerPoint den Risiko-Kasten von gelb auf orange schieben. Solche Farben beruhigen, sie kosten nichts und sehen nach Verantwortung aus.
Manche werden jetzt einwenden, dass es sich um Menschen handelt. Stimmt. Um Menschen, die sich freiwillig in eine Studie eingeschrieben haben, weil ihre echte Prognose noch schlechter war als die Aussicht auf eine experimentelle Therapie. Sie waren also keine Versuchskaninchen, sondern Kundinnen, nur mit schlechterer Verhandlungsposition. Drei von ihnen haben den Preis bezahlt, und die Börse nimmt das zur Kenntnis, schluckt, und handelt weiter, als wäre ein Quartalsbericht nur leicht verschoben worden.
Interessant ist die Architektur der Verantwortung. Der Konzern spricht von Einzelfällen, von seltenen Komplikationen, von unglücklichen Konstellationen. So klingt es, wenn ein Schaden nicht geleugnet, aber zerstreut werden soll. Statt zu sagen, dass etwas schiefgelaufen ist, zerlegt man das Ganze in Mikroschritte und nennt jeden Mikroschritt ein Rätsel. Rätsel sind schön, weil man an ihnen wachsen kann, ohne Schuld zuzugeben.
Acht Studien pausieren, weil man die Fälle prüft. Acht Studien pausieren ist ein Satz, der in der Wirtschaftspresse wie ein Sicherheitsventil klingt, in Wahrheit aber eine Marketingentscheidung ist. Man will zeigen, dass man handelt, ohne zu zeigen, was man eigentlich wann wusste. Die Botschaft lautet: Bei uns bleibt kein Stein auf dem anderen, wir stellen sogar ganze Forschungsflächen kopf. Bloß den Verkauf stellt man nicht ein. Warum auch. Husten geht immer.
Die Pointe ist freilich die altbekannte: Wer ein Milliardengeschäft mit Zelltherapien betreibt, wird den Tod einzelner Probandinnen nicht als Skandal behandeln, sondern als Wetter. Man registriert ihn, man führt Strichlisten, man passt die Packungsbeilage an, und in der nächsten Pressekonferenz heißt es, man habe daraus gelernt. Gelernt wird in solchen Branchen vor allem, welche Sätze man nicht mehr sagen darf und welche Schlagworte bei Investoren wirken. Lernkurve nennt man das, eine Kurve, die nach oben zeigt, während die Fallzahlen manchmal ein anderes Lied singen.
Am Ende bleibt das vertraute Ritual: ein paar Studien ruhen, ein paar Risikoabsätze werden verlängert, der Vorstand nickt wissend, die Aufsichtsbehörde schreibt einen freundlichen Brief, und die Welt dreht sich weiter. Drei Menschen sind gegangen, und der Rest der Geschichte ist ein bisschen Bürokratie, ein bisschen PR, ein bisschen Hoffnung auf das nächste Quartal. Möge die Prüfung lang sein, die Verantwortung kurz und die Aktie stabil. So geht das.