Es gibt Sätze, die so nüchtern klingen, dass man beim Lesen kurz glaubt, die Welt sei in Ordnung. "Lebenslanges Lernen ist ein wichtiger Bestandteil professioneller Pflege" ist so ein Satz. Er steht am Beginn einer Mitteilung, die einem das Gefühl gibt, der Alltag in Spitälern und Heimen sei ein großer Hörsaal, in dem jede Schicht mit frischem Eifer in die Lernplattform stürmt. In Wahrheit ist der Alltag bekanntlich ein Flur, ein Dienstplan und ein Kaffee, der kalt wird.
Die Vorarlberger Abteilung eines Berufsverbands hat nun drei Online-Kurse ins Programm gehoben, die zusammen ungefähr das abdecken, was in jedem Pflegeteam zwischen Tür und Kittel ohnehin täglich diskutiert wird. Erstverordnung von Medizinprodukten: Also die uralte Frage, wer eigentlich den Verbandswechsel anordnet, wenn die Stationsleitung telefonisch nicht erreichbar ist und der Patient fragt, ob er jetzt ein Pflaster braucht. Nun soll das Webinar klären, was die Realität seit Jahren ignoriert.
Dann das Thema Nachhaltigkeit. Man darf sich kurz wundern, dass ausgerechnet eine Branche, die sterile Handschuhe im Akkord verbraucht und Einmalmaterial stapelweise in den Sondermüll karrt, jetzt lernen soll, wie man die Welt rettet. Wahrscheinlich beginnt es mit dem Hinweis, dass man den Drucker nicht doppelseitig benutzen soll, gefolgt von einem Seminarblock über die korrekte Trennung von Papier und schlechtem Gewissen.
Den krönenden Abschluss bildet die Sterbeverfügung, also jener Bereich, in dem Pflegekräfte traditionell die meiste Erfahrung und die wenigsten Fortbildungspunkte mitbringen. Schön, dass das jetzt auch online geht. Dann kann man sich nämlich in einer ruhigen Minute zwischen zwei Schichten mit den rechtlichen Rahmenbedingungen des Lebens auseinandersetzen, während nebenan jemand nach dem Nachtkästchen klingelt.
Das Schönste an der Sache ist die Formulierung, Fortbildung solle "unkompliziert online" möglich sein. Unkompliziert. Als wäre das größte Problem der Pflege nicht der Personalmangel, die Bürokratie oder die Bezahlung, sondern die Tatsache, dass man früher für ein Seminar in ein echtes Seminarhaus fahren musste. Wenn man das größte Hindernis im Berufsalltag mit einem WLAN-Zugang löst, hat man entweder den Beruf revolutioniert oder das Marketingbudget kreativ verteilt.
Was die Sache dann endgültig zur Glosse macht, ist die ewige Begleitmusik. Lebenslanges Lernen, aktuelle Herausforderungen, professionell gestalten, Spektrum moderner Pflege. Das sind die Sätze, die in jedem Konzeptpapier stehen, in jedem Newsletter, in jeder Sonntagsrede. Es sind die Möbelstücke der Verwaltungssprache, die in keinem Krankenhaus fehlen dürfen, genau wie das Schild "Wir stellen ein" im Eingangsbereich, unter dem die Leute den Dienstplan lesen.
Dass die Kurse tatsächlich stattfinden, soll hier gar nicht bestritten werden. Pflegekräfte lernen viel, sie lernen ständig, oft ohne dass es jemand bezahlt oder würdigt. Nur ist die Inszenierung diesmal so glatt, so wohlmeinend, so umfassend abgesichert, dass man kurz das Gefühl bekommt, die Pflege sei vor allem dann ein Problem, wenn man sie nicht fortbildet. Bestellt also schön eure Webinar-Tickets, trinkt den Kaffee aus, bevor er kalt wird, und vergesst nicht, das Licht am Laptop auszumachen. Die Umwelt wartet schon.