Einmal im Jahr feiert sich der Uhudler selber. Nicht den Winzer, nicht das Dorf, nicht die Region, sondern den Wein. Der Wein steht im Mittelpunkt, der Mensch steht daneben mit einem Glas in der Hand und fragt sich, ob er jetzt applaudieren soll. Am Hochkogel hat man diese Frage mit Ja beantwortet, und zwar lautstark, unter Regenschirmen, mit Schlagerparade und dem unerschütterlichen Glauben, dass ein Frizzante den Unterschied zwischen Sommer und Weltuntergang ausmacht.
Früher dauerte das Fest drei Tage. Heuer dauerte es einen. Der Grund ist so menschlich wie erschreckend: Der Atem reichte nicht. Weder der der Veranstalter, noch der des Publikums. Damit ist erstmals in der Geschichte der südburgenländischen Festkultur medizinisch dokumentiert, dass eine Region gleichzeitig über zu wenig Sauerstoff und über zu viel Bekenntnis zu ihrer eigenen Weinkultur verfügt. Man stelle sich vor, die nächsten Feiern müssten dem Beispiel folgen. Heiliger Abend auf zweieinhalb Stunden gestrichen, weil der Atem fehlt. Nationalfeiertag auf ein Viertel verkürzt, weil die Fahnen schwere Arbeit sind.
Der Tourismusobmann empfing mit warmer Küche, als wäre er Burgherr einer Weinhöhle. Drei Winzer stellten sich auf, boten ihre Produkte feil und erzählten vom Wein, als handle es sich um Familienmitglieder. Der Frizzante ist nach wie vor der Hit, was vermuten lässt, dass er den Test der Zeit nicht nur besteht, sondern regelrecht missbraucht. Irgendwer muss irgendwann einmal erklären, wie ein Getränk, das aussieht wie ein Sonnenuntergang mit Kohlensäure, derart zuverlässig Begeisterung auslöst. Vermutlich liegt es an der Farbe. Oder am Glauben. Oder an beidem.
Josef Taucher führte durch die Weingärten und wies auf die Problematik des heurigen Weinjahres hin. Trockenschäden, Rebzikaden, das volle Programm. Man hörte den Winzern zu und hatte das Gefühl, einer Krisensitzung des Weltklimarates beizuwohnen, nur dass am Ende nicht diskutiert, sondern verkostet wurde. Die Rebzikade selbst war leider nicht anwesend, hätte aber vermutlich den besten Auftritt des Abends gehabt. Sie ist die einzige, die wirklich weiß, wo der Wein herkommt, und sie kommt in Massen.
Das Wetter war zuerst nicht optimal. Leichter Regen hinderte die Gäste nicht, unter Regenschirmen zu tanzen. Es gibt Sätze, die klingen harmlos und beschreiben in Wahrheit die höchste Form menschlicher Verzweiflung. Wenn Erwachsene mittleren Alters bei Nieselregen zu Schlagerparaden tanzen, dann ist das keine Gemütlichkeit, das ist Überlebenswille. Die Poppendorfer Jungmusikanten eröffneten den Reigen und trugen den schönen Namen Grenzlandbuam, was politisch korrekt neutral klingt und klanglich nach sehr viel Berg und ein bisschen Patschen klingt. Dörfliche Blasmusik als Therapie, gratis, aber nicht umsonst.
Den Abschluss bildeten die Bleckvoices und die Dorfbradlern, die in die Nacht hinein begleiteten. Was genau eine Bradlern ist, weiß außerhalb des Burgenlandes niemand, und genau darin liegt der Reiz. Wer sich die Mühe macht, eine Ortschaft zu finden, die im Regen feiert, ihre Weine als Kulturerbe behandelt und Blasmusik als Grundrecht versteht, der darf sich am Ende fragen, ob das Fest drei Tage dauerte oder nur das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Am Hochkogel dauerte es heuer nur einen Abend. Aber einer reichte offenbar. Dem Atem sei Dank.