Dreißig Jahre denselben Laden, denselben Spültisch, dieselben Frisurenfotos an der Wand, die schon vor der Jahrtausendwende aus der Mode waren. Wer so etwas durchhält, hat entweder einen Mietvertrag auf Lebenszeit oder ein Verhältnis zur Gemeinde, das mit normaler Bürokratie nicht mehr erklärbar ist. Die Jubilarin selbst spricht von Treue, als hätte sie das Mountainbike der Kundschaft im Sturzflug vor dem Abgrund bewahrt, dabei hat sie ihnen lediglich die Schuppen aus den Haaren gepustet und gelegentlich die Ponylänge diskutiert, die zu kurz natürlich immer auf den vorherigen Schnitt zurückging.
Echte Krisen, das muss man neidlos anerkennen, gab es kaum. Corona war dabei, was natürlich die härteste Prüfung war, die ein Friseursalon in der Geschichte der Menschheit bestehen musste, dicht gefolgt von zwei Schulteroperationen. Eine Schulter, klar, geht noch, aber beide? Da wackelt dann das Fundament jedes mittelständischen Unternehmens. Wer in so einer Lage nicht Insolvenz anmeldet, sondern mit Kaffee und Kuchen weitermacht, hat entweder sehr loyale Kundschaft oder ein eingebautes Schutzschild gegen die Widrigkeiten der freien Marktwirtschaft.
Zum Festakt reiste eigens die Frau in der Wirtschaft an, jene Kammerdelegierte, die in Niederösterreich die Aufgabe hat, überall dort zu erscheinen, wo jemand drei Jahrzehnte durchgehalten hat, ohne öffentlich auszurasten. Sie überreichte eine kleine Anerkennung, also vermutlich ein gerahmtes Glückwunschschreiben, das in etwa so viel wiegt wie ein gefülltes Butterbrot und ungefähr dieselbe ästhetische Wirkung entfaltet. Die Kammer halt, sie dekoriert gerne, wenn es nichts kostet, und taucht danach ab, bis zur nächsten Grillfeier eines Installateurs mit Betriebsjubiläum.
Die Bewirtung folgte dem bewährten niederösterreichischen Jubiläumsprotokoll. Sekt, der schon vor dem ersten Anstoßen die Traurigkeit eines vergessenen Sonntagabends ausstrahlt. Snacks, deren Hauptzutat die Hoffnung ist, dass niemand fragt, wie lange sie schon auf dem Tisch stehen. Kaffee, der für gewöhnlich aus einer Thermoskanne kommt, die in einem anderen Leben bereits die Erstkommunionfeier der Jubilarin überlebt hat. Dazu Kuchen, der nur deshalb existiert, weil irgendjemand im Dorf eine Schwester hat, die wieder eine Schwester hat, die wieder backt, und das alles unter dem Siegel der Verschwiegenheit, was die wahre Wirtschaftsleistung der Region ist.
Die Ansprache der Gastgeberin fiel erwartbar kurz aus, weil sie wusste, dass ihre Stammkunden ohnehin mehr an dem freien Stück Kuchen interessiert waren als an ihren Worten, und weil man in dreißig Jahren ohnehin gelernt hat, dass Reden im Ort eher verdächtig machen als nützen. Die Anwesenden applaudierten artig, niemand weinte, obwohl die Stimmung nahe dran war, weil eine Friseurin, die einen kennt, im ländlichen Niederösterreich ungefähr die Rolle einer Seelsorgerin, einer Therapeutin und eines Finanzberaters gleichzeitig übernimmt.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die größte Leistung dieses Betriebes nicht das Schneiden von Haaren ist, sondern die Tatsache, dass seit dreißig Jahren niemand auf die Idee gekommen ist, eine Filiale im Nachbarort aufzumachen, die alles billiger und schlechter macht. Solange das so bleibt, feiert Dörfles weiter Jubiläum mit Sekt, Kuchen und Kammernadeln, und die Republik darf sich freuen, dass es noch Orte gibt, wo Treue nicht auf einer App basiert, sondern auf einem Stammtisch im Wartezimmer des Vertrauens. Prost, Natascha, mögen die nächsten dreißig Jahre genauso ereignisarm und freundlich verlaufen wie die ersten.