Man stelle sich vor: Da kommt endlich Besuch, und schon wird aufgeräumt. Putin, bekanntermaßen ein Mann, der sonst jeden Schmetterling in Kiew mit Hyperschall vermisst, verkündet eine dreitägige Angriffspause. Nicht etwa, weil er plötzlich Vernunft gelernt hätte, sondern weil zwei US-Gesandte auf der Matte stehen und man ja nicht unhöflich wirken will. So funktioniert das in den besseren Haushalten, und der Kreml ist nun einmal ein Haushalt mit Geschmack, Stuckatur und Atomschirmen.
Kiew revanchiert sich postwendend, indem es den russischen Luftraum nicht gefährdet, was sich dramatisch anhört, aber in der Praxis heißt: Die ukrainischen Drohnen bleiben für ein Wochenende brav in der Garage. Schuljany und Boryspil, diese beiden ramponierten Flughäfen, werden trotzdem noch schnell beschossen, damit die Russen auch wissen, wer hier der Chef ist. Es ist, als würde man vor dem Plätzchenbacken noch kurz den Nachbarshund treten, damit der Respekt nicht verloren geht.
Trump sagt derweil im Weißen Haus, man habe „etwas erreicht“, wobei „etwas“ ein dehnbarer Begriff ist, der in der politischen Sprache ungefähr so viel wiegt wie ein Croissant in einer Bäckerei. Die Unterhändler, beide beruflich vor allem damit beschäftigt, Immobilien und andere Anlagesummen zu bewegen, sollen einen Vorschlag mitbringen. Wessen Vorschlag, bleibt wie üblich nebulös. Vermutlich einer von der Sorte, bei dem am Tisch alle nicken und danach weitergeflogen wird.
Das ganze Procedere erinnert an eine Beerdigung auf dem Land: Man gibt sich die Ehre, man isst die Torte, man redet über das Wetter, und das eigentliche Thema vermeidet man tunlichst. Witkoff und Kushner pendeln zwischen Moskau und Kiew wie die Postboten eines Reiches, das es nicht mehr gibt, aber alle noch betreiben wollen. Sie treffen Putin, sie treffen Selenskyj, sie trinken Tee, sie schauen betroffen, und am Ende heißt es, die Gespräche seien „konstruktiv“ gewesen, was in Diplomatensprache exakt bedeutet: Niemand hat irgendetwas gesagt, das man später zitieren könnte.
Selenskyj seinerseits zeigt eine bewundernswerte Fähigkeit, das halbe Land als Bühne zu benutzen. Er twittert, er warnt, er kündigt Sicherheitsgarantien an, die so klingen, als würde er gleich die Hand auf das Herz legen und schwören, dass kein Hubschrauber die Russen auch nur schief anschaut. In Wahrheit heißt das wohl: Wir lassen die Transponder eingeschaltet, damit die Gäste nicht aus der Kurve fliegen. Ein bisschen Höflichkeit unter Leuten, die sich ansonsten mit allem beharken, was nicht niet- und nagelfest ist.
Die Russen verlangen derweil, man solle die „Realitäten auf dem Schlachtfeld“ berücksichtigen, was in etwa so originell ist wie der Wunsch eines Ladendiebs, man möge die Realität im Einkaufswagen berücksichtigen. Russland verschiebt die Realität seit Jahren mit Panzern, Drohnen und gelegentlichen Erklärungen seines Vizeaußenministers, der dabei aussieht, als hätte er gerade den Schichtdienst in einem Museum für sowjetische Höflichkeit angetreten.
Am Ende bleibt das Bild einer Welt, in der zwei Geschäftsleute zwischen den Mächtigen hin- und hereilen, als brächten sie die Miete. Die einen lassen die Bomben kurz aus, die anderen lassen die Drohnen kurz drin, und alle nicken feierlich. Man könnte das Ganze auch als Fortbildung in internationalem Benehmen verstehen: Wenn Besuch kommt, wird kurz durchgeputzt, danach geht das Leben weiter wie vorher, nur dass die Fußabdrücke auf dem Teppich diesmal von zwei Paar sehr teurer Schuhe stammen. Frieden ist das nicht, aber wenigstens ist die Tischdecke wieder sauber, und im Kreml kann man sich rühmen, man habe „die Lage berücksichtigt“, während in Kiew die Flughäfen noch warm sind. So sieht sie aus, die große Diplomatie des 21. Jahrhunderts: ein mehrtägiges Lüftchen zwischen den Bomben, serviert auf einem Silbertablett, das kein Mensch bestellt hat.