Man stelle sich vor, jemand käme heim und brüstete sich, im vergangenen Jahr nur knapp zweiundzwanzig Mal so lang ohne Luft gewesen zu sein wie nötig. So ungefähr muss man sich das vorstellen, wenn der Salzburger Netzbetreiber verkündet, die Haushalte seien im Jahr 2025 im Schnitt nur 13,18 Minuten ohne Strom gewesen. 13,18 Minuten. Das ist exakt die Dauer, in der man sich fragt, wo die Taschenlampe ist, bevor man sie findet und beschließt, dass es auch ohne geht.
Natürlich ist das ein Rekordwert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002. Seit damals schafft es die Menschheit also endlich, Kabel so zu verlegen, dass sie bei normalem Wetter größtenteils dort bleiben, wo sie verlegt wurden. Ein Triumph der Zivilisation, vergleichbar mit der Erfindung des Daches oder der Erkenntnis, dass Wasser nicht in Steckdosen gehört. Die Verantwortlichen zeigen sich erwartungsgemäß hocherfreut. Wahrscheinlich gibt es gleich eine kleine Feier mit Sekt und Erdbeeren, weil man den Menschen heuer nur eine Viertelstunde ihres Lebens gestohlen hat, in der sie verzweifelt auf den Backofen starren.
Besonders rührend ist der Hinweis, dass Ausnahmen nur bei ungewöhnlichen Wetterereignissen vorkommen. Sturm Kyrill im Jahr 2007 etwa, der die Ausfallzeit auf über 90 Minuten hochtrieb. 90 Minuten. Wer damals ohne Kerzen dasass, hat wahrscheinlich einfach den Wasserkocher angemacht, denn ohne Strom weiß man ja bekanntlich gar nichts mit sich anzufangen. Die Schneestürme 2019 und 2023 setzten dem Netz ebenfalls zu, was die spannende Frage aufwirft, ob das Netz vielleicht doch nicht für Schnee ausgelegt ist, obwohl es in einem Land betrieben wird, in dem Schnee ungefähr so überraschend kommt wie Touristen im August.
Aber statt sich nun gemütlich zurückzulehnen und die 13 Minuten als das zu behandeln, was sie sind, nämlich praktisch nichts, kündigt der Netzbetreiber stolz an, heuer mehr als 100 Millionen Euro zu investieren. 100 Millionen Euro, um eine Zahl weiter zu senken, die statistisch gesehen bereits unter der Wahrnehmungsschwelle jedes Menschen liegt. Das ist, als würde man einen Chirurgen beauftragen, die letzte Falte auf einer ansonsten faltenfreien Haut zu entfernen, koste es, was es wolle. Wahrscheinlich kommt als Nächstes der Vorschlag, jedem Haushalt eine unterbrechungsfreie Stromversorgung zu spendieren, also eine Art Mini-AKW im Keller, nur damit auch ja niemand je wieder erlebt, wie sich ein Kondensator anfühlt.
Was bleibt, ist die wunderbare Erkenntnis, dass in einer Zeit, in der über Energiekosten, Blackout-Ängste und die Zukunft der Versorgung debattiert wird, ausgerechnet jene Institution jubelt, die am wenigsten dafür kann, dass der Strom fließt. Sie hat ja bloß die Drähte aufgehängt. Den Rest erledigt die Schwerkraft des Wassers, ein bisschen Wind und die Tatsache, dass die meisten Menschen ihre Sicherung nicht selbst herausdrehen. Wenn das die neue Heldentat der Energiepolitik ist, dann darf man gespannt sein, wann die offizielle Pressemitteilung erscheint, dass auch der Himmel im Bundesland Salzburg so blau ist wie noch nie. Außer an Tagen, an denen er nicht blau ist. Wegen Wetter.