Es gibt Spiele, die ein Land verändern, und es gibt Spiele, die ein Land in seinen Grundfesten erschüttern, ohne dass irgendjemand weiß, warum. Das Aufeinandertreffen zwischen Münster und Natters gehörte zur zweiten Kategorie. Zwei Eckbälle, zwei Tore, am Ende steht ein 1:1, das in seiner mathematischen Schlichtheit fast obszön wirkt. Denn ein Unentschieden ist in Tirol nicht einfach ein Resultat, es ist ein Staatsakt, ein Volksbegehren, eine halbe Bergpredigt.
Bereits vor dem Anpfiff war klar, dass hier niemand gewinnen durfte, der nicht gleichzeitig auch der andere wäre. Münster, landschaftlich ohnehin im Schatten des Nachbarortes stehend, wollte den Anschluss an das Tabellenmittelfeld schaffen, was allein schon deshalb komisch ist, weil das Tabellenmittelfeld in der Tiroler Liga ein ähnlich vager Begriff ist wie die Mittelschicht in einem Land, in dem jeder glaubt, sie sei gerade verschwunden. Natters seinerseits hatte eigene Pläne, nämlich die, nicht abzusteigen, was in Tirol traditionell damit beginnt, dass man sich gegenseitig erklärt, warum man schon immer Oberkrainer statt Westligafußball spielen wollte.
Das erste Tore fiel nach einer Ecke, und zwar genau in dem Moment, als die defensive Ordnung der Hausherren kurz mit der Sinnfrage des Wochenendes beschäftigt war. Manndecker schaute sich um, fand keinen, nickte ein, stellte fest, dass Torhüter und Linienrichter offenbar eine private Vereinbarung über kollektive Inaktivität hatten, und jubelte. So weit, so lokal. Doch statt die übliche Geste zu zeigen, also jenes leise Nicken, das in Tirol bereits als Siegergebärde gilt, rannte der Torschütze zu seinem Trainer und fragte, ob das jetzt diplomatisch okay sei.
Die zweite Ecke kam, wie die zweite Ecke kommen musste: aus einer Ecke, diesmal auf der anderen Seite, weil im Tiroler Unterhaus Fairness großgeschrieben wird und man den Gastgebern nicht denselben Winkel zweimal gönnen will. Das 1:1, das darauf folgte, war weniger ein Resultat als vielmehr ein Kompromisspapier, das beide Vereine unterzeichnen konnten, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Beide Mannschaften bleiben unten, beide Trainer bleiben oben, und die Tabellenführung kann aufatmen, weil sie weiß, dass diese beiden Vereine frühestens in der achten Runde aufhörten, sich gegenseitig die Punkte zu schenken.
Das eigentlich Bemerkenswerte aber geschah nach dem Schlusspfiff, als die Anhänger beider Lager realisierten, dass sie ein gemeinsames Problem hatten: Niemand konnte sagen, wer eigentlich schuld war. War es der Schiedsrichter, der eine Ecke gab, die keine war? War es der Ball, der in Tirol traditionell seine eigene Karriereplanung verfolgt? Oder war es die Ligareform, die ohnehin niemand bestellt hat, die aber jeder bezahlt? In Münster tippte man auf das Wetter, in Natters auf die Hanglage, und in beiden Orten auf die Tatsache, dass das Tabellenmittelfeld in Wahrheit seit drei Jahren aus denselben vier Klubs besteht, nur mit leicht veränderter Sitzplatzverteilung.
Am Ende bleibt festzuhalten: Es gab keinen Sieger, aber es gab eine Erkenntnis. Tiroler Liga heißt nicht Fußballliga, Tiroler Liga heißt Schicksalsgemeinschaft. Wer hier gewinnt, verliert sofort den Charakter, und wer verliert, wird in der nächsten Runde wieder zur Naturgewalt erklärt. Münster bleibt Münster, Natters bleibt Natters, und das 1:1 bleibt das, was es immer war, nämlich eine Ecke, die man sich gegenseitig ins eigene Tor schiebt, bevor man gemeinsam auf den Wirt zugeht, um zu besprechen, was man nun wirklich gemeint hat.