Es war einmal ein Mann, der behauptete, er könne mit den Händen Blockaden lösen, die kein Röntgengerät dieser Welt je gesehen hat. Dieser Mann hieß Tian Yi Wang, führte eine Praxis namens KangFu, und jetzt ist er pleite. Damit verliert Bregenz nicht etwa einen Arzt, sondern eine ganze Weltanschauung mit Gewerbeschein. Der Untergang einer TCM-Praxis ist im Grunde das, was die Energiewende für Vorarlberg nie geschafft hat: ein echter Systemwandel.
Die Nachricht selbst liest sich nüchtern wie das Ende eines mittelständischen Sanitärbetriebs, nur dass hier eben keine Rohre, sondern Lebensenergie verstopft war. Zahlungsunfähig, heißt es da knapp. Was durchaus Fragen aufwirft. Wie macht man eigentlich pleite, wenn das eigene Produkt nichts wiegt, sich nicht abnutzt und auf keiner Rechnung erscheint? Offenbar ist auch das Qi nicht unbegrenzt verfügbar. Irgendwann ist der Meridian leer, das Konto auch.
Die Kundschaft, die sich bisher für eine Stunde Behandlung so viel hat kosten lassen wie andere für ein ordentliches Mittagessen mit Wein, darf nun selbst entscheiden, was sie mit ihrem freien Mittwochvormittag anfängt. Manchen steht die Krise ins Gesicht geschrieben. Jahrelang hat man sich einreden lassen, dass ein steifer Nacken nichts mit Bildschirmarbeit zu tun hat, sondern mit einem entrückten Nierenchakra. Und jetzt soll das plötzlich wieder der Orthopäde richten? Eine Zumutung. Gegen Aufpreis.
Während sich die einen also auf den Weg zurück in die Schulmedizin machen, sinnieren die anderen bereits über die kollektive Ohnmacht. Denn wer jahrelang glaubte, dass ihm mit Nadeln, Druck und ein paar chinesischen Vokabeln geholfen wird, der wird jetzt in die Wirklichkeit entlassen. Die Wirklichkeit, in der ein Bandscheibenvorfall ein Bandscheibenvorfall ist und die Wirbelsäule sich nicht durch positive Energien aufrichtet, sondern allenfalls durch Bewegung, Trockenübungen und einen ehrlichen Blick auf das eigene Körpergewicht. Schlimmer kann es kaum kommen.
Und natürlich fehlt auch der Blick auf die Bürokratie nicht, die das Ganze begleitet hat. Solche Praxen entstehen ja nicht im luftleeren Raum. Sie brauchen einen Gewerbereferenten, der die Konzession ausstellt, ein Finanzamt, das die Umsatzsteuer auf nicht nachweisbare Heilerfolge kassiert, und eine Stadt, die froh ist, wenn irgendwer ein leeres Geschäftslokal im Quellenviertel bespielt. Selbst wenn es am Ende nur bedeutet, dass ein Erwachsener für dreißig Minuten flach auf einer Liege liegt und sich einreden lässt, sein Schultergürtel sei ein Problem der inneren Mitte. Irgendwer muss es ja glauben.
Was bleibt, ist die seltsam tiefe Trauer über das Ende einer kleinen Industrie, die in Vorarlberg sonst vor allem durch Funktionieren besticht. Man stelle sich die Sonntagsrunde vor. Drei Paare, alle plötzlich ohne Termin, kein Duft von Menthol, keine beruhigende Musik mit Gong. Stattdessen der Rat der Nachbarin: leg dich halt hin, trink Kamillentee, ruf den Hausarzt an. Als ob Hausärzte dafür da wären. Die sind in Wahrheit viel zu beschäftigt, um mit Patienten zu sprechen, die glauben, dass ihr Stoffwechsel eine geopolitische Frage ist.
Am Ende ist es wie immer im Leben: Wer sich zwischen Hokuspokus und Wirbelsäule entscheiden muss, landet zuerst beim Heilpraktiker, dann beim Finanzamt und zuletzt, spät, aber doch, bei der Krankenkasse. Dass ein Bregenzer Quellenviertel jetzt ohne KangFu auskommen muss, ist also weniger Verlust als Chance. Eine Stadt, die auf einem einzigen Meridian ruht, ist keine Stadt, sondern eine Therapiepraxis mit Straßenanschluss.