Man stelle sich vor: Eine Bank gibt sich ein paar Jahrzehnte lang als seriöser Treuhänder des kleinen Mannes, kassiert hinter dessen Rücken ein, zwei Prozent hier, ein bisschen Kick-Back da, nennt das Ganze Bestandsprovision und legt es so offen, wie man einen Sonnenbrand unter dem Sakko offenlegt. Und jetzt, mitten in einer Zeit, in der man über jeden Cent zweimal nachdenkt, tut sich ein Verein für Konsumenteninformation hervor und flüstert der Republik ins Ohr: Liebe Leute, da wäre eventuell etwas zu holen. Tausende Euro, sagt man. Pro Kunde. Ohne Risiko. Mit kostenloser Prüfung. Gratis. Wirklich.
Es ist, als hätte der Weihnachtsmann nach zwanzig Jahren Verspätung doch noch den Schlüssel gefunden und ausgerechnet jene Haustüren aufgesperrt, an denen er bisher nur die Füße gewärmt hat. Nur dass statt rotem Mantel ein Aktendeckel hereinschneit, statt Rentier ein Richter, und statt Geschenke ein Fragebogen. Wer bei einer dieser Banken sein Erspartes in einen Fonds gesteckt hat, darf jetzt beweisen, dass er überhaupt Erspartes hatte. Depotauszüge bitte. Aus 1996 bis 2007, also aus jener Zeit, als die meisten Österreicher noch nicht wussten, dass sie ein Smartphone besitzen werden, das später ihre alten Kontoauszüge einscannt.
Die Pointe an der Sache ist freilich die übliche österreichische: Das Geld, das hier zurückfließen soll, hat die Banken all die Jahre gar nicht so sehr geärgert. Geärgert hat sie nur, dass man nicht mehr darüber reden durfte. Und jetzt, da der Skandal endlich auf dem Tisch liegt, sitzen in den Vorstandsetagen dieselben Herren mit denselben Krawatten und erzählen, man habe damals halt die Regeln sehr kreativ ausgelegt. Kreativ ist das Stichwort. Wer in der Finanzbranche kreativ ist, darf am Ende immer in Pension gehen, möglichst mit Abfertigung Alt.
Auch die Liste der betroffenen Institute liest sich wie das Who is Who der heimischen Seriosität. Ein paar Hypobanken, ein paar Raiffeisen-Vertreter, ein Bankhaus mit historischem Namen und ein Ableger mit Plattform im Titel, weil ja alles heutzutage eine Plattform sein muss. Dass ausgerechnet die BAWAG mit ihren tausendfachen Tarnnamen dabei ist, überrascht nur jene, die in den letzten zwanzig Jahren unter einem besonders schweren Banksafe geschlafen haben. Easybank, direktanlage.at, Hellobank: drei verschiedene Klingelschilder, ein und derselbe Briefkasten für Provisionen.
Besonders rührend ist die Begründung der Branche, die angeblich erst ab 2018 die eigenen gesetzlichen Pflichten ernst genommen hat. Vor 2018 war demnach alles ein bisschen wie in der Pubertät: Man wusste, dass es Regeln gibt, fand sie aber eher theoretisch hinderlich. Offenlegungspflicht, Nachweis des Kundennutzens, Vermeidung von Interessenkonflikten: drei Sätze, die im Bankenrecht ungefähr die Rolle von Hinweisschildern im Schwimmbad haben. Man kennt sie, man ignoriert sie, und wenn etwas passiert, war man halt gerade abgelenkt.
Und so sitzt der kleine Sparer da, kramt zwischen Erinnerungen an den Euro-Beitritt und dem ersten iPod nach alten Auszügen, füllt Formulare aus, entbindet irgendwen von irgendetwas und hofft, dass am Ende ein paar hundert Euro zurückkommen. Vielleicht ein paar tausend, wenn er besonders tapfer investiert hat. Es ist die klassische österreichische Wohltätigkeitsveranstaltung: Die einen nehmen, die anderen warten, und die dritten verdienen daran, dass alle miteinander reden müssen. Sogar die Kreditbearbeitungsgebühren seien gesetzwidrig gewesen, heißt es. Womit immerhin eines bewiesen ist: Wenn man Gebühren nur lang genug erhebt, wird am Ende die Rechtslage an die Gebühren angepasst, oder umgekehrt. Hauptsache, das Formular passt.
Am Ende gewinnen ohnehin die Anwälte. Die Banken verlieren ein paar Millionen, die sie vorher nicht hatten einkalkulieren müssen, und die Kunden bekommen das, was einem halben Skonto auf den eigenen Vermögensverlust entspricht. Aber immerhin: Es ist gratis. Und in Österreich ist gratis schon fast ein Grund zum Feiern, besonders wenn man dabei eine Unterschrift leisten darf.