Man stelle sich vor: Ein Tiroler Naturpark geht hinaus, zählt Bienen und verkündet anschließend stolz, er habe schon die Hälfte geschafft. Halbzeit. Bei einer Erhebung von Bienen. Wer hier an eine Fußballübertragung denkt, liegt geistig näher an der Wirklichkeit als die meisten Pressetexte vermuten lassen.
Dass ausgerechnet die Rote Schneckenhausbiene als Indikator für eine noch weitgehend intakte Natur herhalten muss, wirkt auf den ersten Blick wie eine Pointe aus dem Tierkabinett. Tut es auch. Denn wenn ein Tier, das sein Zuhause in einem Schneckenhaus aufschlägt, den Zustand der Zivilisation beurteilt, dann darf man die Frage stellen, wer hier wen kontrolliert. Die Biene das Tal oder das Tal die Biene? Wahrscheinlich beides, vermutlich keiner.
400 Arten in Tirol, heißt es, und ganz Österreich bringt es auf rund 700. Das klingt erst einmal erfreulich, bis man kurz nachrechnet, wie viele davon sich bei Sonnenhängen in der Sommerhitze überhaupt noch blicken lassen. Während der Mensch in klimatisierten Räumen über Heißluftgebläse brütet, fliegt das arme Krabbeltier also durch Gegenden, in denen schon Wanderer mit Sonnencreme-Faktor fünfzig leise weich werden. Chapeau, kann man da nur sagen, oder besser: Summ. Wie auch immer die korrekte tierische Anerkennung lauten mag.
Dass eine solche Erhebung nun erstmals stattfindet, wirft ein mildes Schlaglicht auf den vorangegangenen Erkenntnisstand. Es ist, als hätte bisher jemand gesagt, es gibt halt viele Insekten, wir teilen die schon grob ein in Stechende und Nicht-Stechende, der Rest ist Sache der Imker und der Hausmittel. Nun geht man also hin und schaut tatsächlich genauer hin, mit der Konsequenz, dass man schon nach wenigen Wochen einen bunten Strauß an Spezialisten zusammenhat. Die Naivität, mit der solche Zahlen stolz präsentiert werden, ist dabei durchaus liebenswert. Fünfzig Bienenarten, und das am Anfang. Man darf sich das vorstellen wie einen Vielleser, der nach drei Seiten Dekoderoman verkündet, er habe bereits die halbe Bibliothek durch.
Richtig köstlich wird es beim Gedanken an die Folgen. Wo Wildbienen gezählt werden, dauert es erfahrungsgemäß nicht lange, bis Fördertopf-Sätze fallen, neue Folder gedruckt werden und irgendein Landesrat eine Biene zum Ehrenbürger kürt. Vielleicht gibt es bald offizielle Wanderwege zu besonders beliebten Blühwiesen, beschildert mit Hinweisen wie Achtung, hier summt es seit Generationen. Vielleicht wird die Schneckenhausbiene in das Wappen der Gemeinde eingebaut, neben Adler, Kuh und Murmeltier. Vielleicht kommt sie auch auf die Briefmarke, weil das Briefmarken-Amt in solchen Momenten gerne den Pinsel zückt.
Am Ende bleibt die beruhigende Erkenntnis: Während über Gaspreise, geopolitische Schläge und sonstige globale Kalamitäten diskutiert wird, geht es in Tirol gerade umsummt zu. Die Rote Schneckenhausbiene hat den Sonnenhang exklusiv für sich beansprucht, die Forscher sind zufrieden, der Naturpark darf pressen, und die Leser bekommen das seltene Gefühl, dass es in den Alpen nicht nur um Kuhglocken und Pistengaudi geht, sondern gelegentlich auch um jene Mitgeschöpfe, die ohne Trompeten und ohne Sponsoring das Ökosystem am Laufen halten. Man sollte diese Harmonie genießen, bevor die nächste Erhebung irgendwelche Bienen als Indikatoren für Fehlplanungen identifiziert. Dann wird der Summton im Tal vermutlich deutlich gereizter.