Man darf sich die Szenerie ungefähr so vorstellen wie eine Mischung aus Dorffest, Kriegsheimkehr und der ersten Stunde nach einem überfälligen Toilettengang: Erleichterung allenthalben, verkleidet als sportlicher Triumph. In Wörgl ist kürzlich etwas geschehen, das in der lokalen Chronik vermutlich fortan mit goldenen Lettern festgehalten werden wird: Die Mannschaft hat ein Spiel gewonnen. Nicht irgendein Spiel, sondern ein ganz normales Meisterschaftsspiel, was die Sache natürlich in den Rang eines epochalen Ereignisses hebt.
Sofort trat die regionale Dankbarkeitsmaschinerie in Aktion. Trainer, Spieler und vermutlich auch der Platzwart durften kollektiv aufatmen und sich gegenseitig versichern, dass man sich endlich belohnt habe. Man habe sich belohnt. Belohnt! Als hätte man drei Monate Diät gehalten und sich dann ein einzelnes Salatblatt genehmigt. Das klingt ein wenig nach der Sprache jener Menschen, die beim Bestehen der Führerscheinprüfung von einer Transformation ihres Charakters sprechen.
Was genau wurde denn belohnt? Die Tatsache, dass ein Ball öfter im gegnerischen Kasten landete als im eigenen? Dafür nimmt man in Wörgl offenbar den Begriff der Selbstbelohnung in Anspruch, als hätte man eigenhändig die Schwerkraft neu erfunden. Endlich habe man sich belohnt, heißt es, und wer jetzt nicht minutiös aufzeigt, wie viel Leid, Verzicht und stille Tapferkeit diesem Augenblick vorausgingen, hat das Wesen des modernen Amateurfußballs nicht verstanden.
Dabei ist das Phänomen an sich natürlich uralt. Sobald eine Mannschaft monatelang erfolglos vor sich hinwerkelt, wird jeder Punkt zum Existenzbeweis, jedes Unentschieden zur Moralpredigt und jeder Sieg gleich zur Zeitenwende. Die Spieler blicken dann in die Kameras, als hätten sie gerade das Abendland gerettet, und die Trainer reden von Belohnung, als gäbe es für drei Punkte bald eine Steuerermäßigung. Wer in solchen Momenten nicht andächtig nickt, macht sich verdächtig.
Besonders rührend ist die Beobachtung, dass mit dem ersten Dreier offenbar sämtliche bisherigen Niederlagen in einen sanften Nebel historischer Notwendigkeit gehüllt werden. All die verschossenen Elfmeter, die grotesken Fehlpässe in der eigenen Hälfte und die trüben Dienstagnachmittage auf holprigen Plätzen verwandeln sich rückwirkend in eine Art Prüfungsleid, das den Charakter schmiedete. Fußballanalytiker sprechen in solchen Fällen gerne von Reifeprozessen, als handle es sich um eine besonders ambitionierte Sorte Bergkäse.
Wirklich absurd wird die Inszenierung allerdings erst bei der Frage, was als Nächstes droht. Wird der Verein jetzt in eine eigene Denkmalkommission investieren, die den historischen Augenblick für die Nachwelt konserviert? Bekommt das Stadion eine zweite Anzeigetafel, auf der abwechselnd das Datum des Sieges und der Name des Trainers in goldenen Lettern blinken? Richtet man eine Gedenktafel ein, die künftige Generationen daran erinnert, dass hier einmal ein Ball richtig lag? Alles scheint plausibel, wenn man die Feierlichkeit bedenkt, mit der ein ganz normales Ligaspiel derzeit zelebriert wird.
Am Ende bleibt das beruhigende Gefühl, dass im österreichischen Unterhausfußball die Relationen noch völlig intakt sind. Ein Sieg ist ein Fest, eine Niederlage eine Tragödie, und ein Unentschieden eine moralische Krise. Wer das nicht goutiert, soll halt Tennis spielen, wo die Punktelieferanten zumindest ehrlich jubeln, wenn der Ball im Feld landet. In Wörgl hingegen darf jetzt erst einmal durchgeatmet werden, und zwar so lange, bis die nächste Pleite naht, die garantiert wieder als Prüfung verkauft wird.