Es ist soweit. Europa hat seine neue Lieblingsblase gefunden, diesmal nicht aus Koks, sondern aus Konsonanten. Das Wort heißt „Habitualisierung", ist ungefähr so leicht über die Lippen zu bringen wie ein Ziegelstein über die Donau, und klingt exakt nach dem, was passiert, wenn ein Ministerium zu lange ungestört im eigenen Saft schmort. Bisher hatte man „Gewohnheit", ein Wort, das sogar Hunde verstehen. Doch Hunde zahlen keine Beratungshonorare, also musste etwas Strengeres her.
Denn wir Europäer spotten ja für unser Leben gern über die Amerikaner. Über ihr „how are you", das wir wörtlich übersetzen, als würde dahinter wirklich Seelsorge lauern. Dabei ist unser eigenes „Wie geht's?" genauso eine Floskel, nur mit dem kleinen Unterschied, dass bei uns nach der Frage niemand antwortet, weil alle schon beim dritten Schritt der Grußformel innerlich den Rentenantrag ausfüllen. Aber wer will das schon hören.
Weil aber jedes Problem, das sich nicht von selbst löst, ein neues Wort verlangt, hat man sich in Brüssel, Wien und allen anderen Hauptstädten, die einen Kaffeeautomaten besitzen, auf das Zauberwort geeinigt. „Habitualisierung" bedeutet, vereinfacht gesagt, dass das Gehirn irgendwann beschließt, nicht mehr ganz hinzusehen, weil es ohnehin schon weiß, was kommt. Übersetzt in die Sprache der Behörde: Man darf weiter so tun, als wäre alles neu. Es ist lediglich die Erlaubnis, das alte Verfahren mit einer neuen Aktenmappe zu versehen.
Die Vorteile liegen auf der Hand, beziehungsweise auf der Handfläche, mit der man sich gleich darauf die Stirn tupft. Wer habitualisiert hat, muss nicht mehr bewusst entscheiden, was beim Kaffee bestellt wird, welche Akte als nächstes dran kommt oder warum der Parkausweis schon wieder im Spind vergessen wurde. Man spart Energie. Vor allem jene Energie, die man bräuchte, um den eigenen Job zu hinterfragen. In einem internen Memo, das natürlich niemand kennt, das aber jeder kennt, heißt es, die neue Sprachregelung bringe „kostenneutrale Wertschätzungsgewinne" und „strategische Wiederholungsimplikate". Was auch immer das ist, es klingt nach Excel und nach Mittagspause.
Der eigentliche Clou aber ist die mitgelieferte Pflicht: Wer neue Regeln habitualisieren will, muss alte entlernen. Da das Entlernen die Lieblingsdisziplin aller Beamten ist, die ihren Stempel seit dem Laptop von Commodore lieben, darf man sich auf brillante Resultate freuen. Der alte „Gewohnheitserlass" von 1998 wird ab sofort als „historische Prozess-Routine" geführt, was in etwa bedeutet, dass er weiter gilt, aber niemand mehr nachschlagen muss, wo er liegt. Die neuen Spielregeln werden in einem zweijährigen Pilotprojekt getestet, und zwar an jenem Ort, an dem europäische Reformen traditionell landen, nämlich in einem Nebenraum irgendwo zwischen Fahrradabstellplatz und Drucker.
Und damit niemand glaubt, das sei alles nur Papier, plant man auch gleich die Markenpflege. Es gibt einen Slogan, der noch nicht final ist, aber schon jetzt an jeder Kaffeemaschine hängt: „Europa habitualisiert. Aber bitte mit Augenmaß." Augenmaß, wohlgemerkt, nicht mit voller Aufmerksamkeit, denn das wäre ja das Gegenteil von dem, was das Gehirn seit Generationen erfolgreich vermeidet. Am Ende bleibt die Gewissheit, dass man sich in Brüssel, Berlin und Wien weiterhin so verhalten wird wie immer, nur eben mit dem guten Gefühl, dafür endlich das passende Fremdwort zu haben.
Die einzige echte Neuerung besteht darin, dass man sich jetzt, wenn alles schiefgeht, nicht mehr auf die Gewohnheit berufen kann, sondern auf die Habitualisierung. Das klingt nicht nach eigenem Verschulden, sondern nach einem natürlichen neurologischen Phänomen. Wunderbar. Genau das, was man braucht, wenn man seit Jahren denselben Antrag dreimal abschicken muss, ohne dass ihn jemand liest. Gewohnheit wäre peinlich. Habitualisierung ist Forschung.