Man stelle sich vor, man lebt in einem Land, in dem zwölf Menschen in einem Raum eingesperrt werden, damit sie eine Entscheidung treffen, die ohnehin niemandem hilft, und am Ende schaffen sie es nicht. Die Jury in Massachusetts hat sich nicht einigen können, ob eine Frau, die ihre drei Kinder getötet hat, schuldig ist oder nur sehr, sehr traurig war. Das ist an sich noch kein Skandal. Skandal ist, dass das Ergebnis als Fehlprozess bezeichnet wird, als wäre das Strafrecht ein fehlerhaftes Produkt vom Discounter, das man einfach umtauschen kann.
Manche nennen es Tragödie. Manche nennen es Versagen des Systems. Die wirklich kreativen Köpfe nennen es Diskurs. In Talkshows sitzen jetzt Frauen, die noch nie ein Wochenbett von innen gesehen haben, und erklären mit feuchten Augen, wie viel Mitgefühl eine Gesellschaft aufbringen muss, während sie gleichzeitig fordern, härter durchzugreifen, sobald die Kamera auf den Nachbarn schwenkt. Es ist das amerikanische Prinzip: Jede Katastrophe wird in einen Meinungsbeitrag umgegossen, bevor der Rettungswagen überhaupt richtig steht.
Postpartale Psychose ist eine reale, furchtbare Sache. Frauen hören Stimmen, fühlen sich verfolgt, sehen ihre Kinder als Bedrohung, alles ist möglich. Aber sobald das Wort in einem Prozess fällt, verwandelt es sich von einer Diagnose in eine Waffe und von einer Waffe in eine Strategie. Es wird so lange gedeutet, gewendet und in Spätshows hineingewürgt, bis es nicht mehr um die erkrankte Frau geht, sondern um die Show. Wer das laut ausspricht, bekommt den ersten Blick auf, wer es leise ausspricht, kriegt die Quote.
Die Geschworenen haben sich also nicht geeinigt. Vermutlich lag es am Wetter, an der Kantine, an der Tatsache, dass manche Menschen einfach nicht akzeptieren können, dass andere Menschen anders ticken. So bleibt das Schicksal erst einmal offen, wie ein Beratungsgespräch beim Finanzamt, das niemand bestellt hat, aber alle bezahlen müssen. Die Angeklagte sitzt weiter in Haft, weil Haft in solchen Fällen offenbar das Einzige ist, was sich zuverlässig planen lässt.
Und jetzt kommt der wirklich schöne Teil. Amerika wird monatelang über Hilfsangebote für Mütter reden, weil nichts so zuverlässig zu neuen Programmen führt wie ein besonders medialer Einzelfall. Es werden Arbeitsgruppen gegründet, Symposien gehalten, Erfahrungsberichte geteilt, Hashtags erfunden, Broschüren gedruckt und in Wartezimmern ausgelegt, wo sie niemand liest, weil die betroffenen Frauen entweder keine Zeit haben oder schon im Krankenhaus sind. Man nennt das Fortschritt, wenn man ein gutes Pressefoto hat.
Was bleibt, ist die nüchternste Pointe von allen. Ein Staat, der es nicht schafft, Mütter vor einer Psychose aufzufangen, schafft es mühelos, aus ihrer Psychose eine Realityshow zu basteln. Ein Justizsystem, das sich selbst Fehlprozess nennt, beweist damit wenigstens eines, nämlich dass es den Begriff kennt. Und eine Gesellschaft, die glaubt, sie müsse alles verstehen, versteht am Ende nur, dass Mitgefühl allein noch nie einen einzigen Menschen gerettet hat, aber immerhin eine hübsche Talkshow füllt.
Am Ende wird alles gut, weil es weitergeht. Der nächste Prozess kommt, das nächste Urteil, die nächste Podiumsdiskussion, das nächste Profil, der nächste Spendenaufruf, die nächste Kerze vor dem nächsten Tor. Irgendwann verblasst der Name, das Gesicht verschwindet aus den Feeds, und die Hilfsangebote bleiben, wo sie immer waren, zwischen Werbung und Wetterbericht.