Es ist ein Fest, wie es die Republik verdient. Zwanzig Jahre Gletscher-Messprogramm am Dachstein, und das Jubiläum wird standesgemäß begangen: Ein Jazz-Blech-Trio gibt sich die Ehre, ein grüner Landesrat schneidet eine symbolische Eisfläche durch, und die Gletscher selbst schmelzen artig im Hintergrund, als wüssten sie, dass sie in vier Jahren ohnehin keiner mehr erkennt. Die Veranstaltung trägt den offiziellen Titel „20 Jahre Peinlich genau hingeschaut“, was die Forschungsleitung charmant umschreibt, weil die zuständigen Stellen ansonsten nur ungern zugeben, dass man dem Eis beim Verschwinden zugesehen hat wie einem Ministranten, der während der Predigt eingeschlafen ist.
Vor der Eiswand steht die Forscherin, die seit zwei Jahrzehnten den Rückgang dokumentiert, und wirkt so klein, wie sich die Politik in dieser Frage schon immer aufgestellt hat. Oben blitzt die Monte Rosa-Hütte herüber, deren Aluminiumverkleidung so futuristisch glänzt, dass man fast vergisst, dass sich darunter vierzig Meter fehlendes Eis befinden. Wer mit der Zahnradbahn aus Zermatt heraufkommt, sieht das Matterhorn, die besseren Bilder, das bessere Marketing, die bessere Ausrede. Wer den zweistündigen Weg auf sich nimmt, sieht den Rest, nämlich die Höhle im Eis und das leise Plätschern des Wassers, das längst nicht mehr weiß, wohin es eigentlich noch fließen soll. Es plätschert einfach, weil Plätschern das Letzte ist, was ein Gletscher noch kann, bevor er sich in einen bescheidenen Bach verwandelt.
Die Schweizer Kollegen zeigen den Österreichern, wie man Gletscher mit Glasfaserkabeln verkabelt, damit das Eis beim Vergehen wenigstens einen ordentlichen akustischen Beitrag leistet. In Nepal hat man gesehen, wohin das führt, wenn die Berge instabil werden, in Blatten hat man es gesehen, und am Dachstein feiert man Jubiläum, weil das die einzig verbliebene Handlungsform ist, die niemandem wehtut. Die Schneereserven vom Winter waren heuer schon Anfang Juli aufgebraucht, einige Wochen früher als bisher, was die offizielle Sprachregelung als „saisonalen Vorgriff auf den Herbst“ verkauft. Man möchte das Publikum ja nicht mit Vokabeln wie „unumkehrbar“ verschrecken, schon gar nicht, wenn ein Blech-Trio spielt.
Was kommt nach dem Gletscher? Diese Frage wird in österreichischer Manier beantwortet, nämlich mit einer Studie, einem weiteren Bericht, einem runden Tisch und am Ende einer Pressekonferenz, auf der ein Sprecher erklärt, dass man die Lage ernst nehme, sehr ernst, sogar außerordentlich ernst, und dann fährt man mit dem Dienstwagen wieder talwärts. Die Stromproduktion wird sich etwas einfallen lassen müssen, der Tourismus auch, und die Sicherheit in den Alpen wird vermutlich künftig von derselben Sorte Warnschildern gewährleistet wie vor einer Baustelle in Linz: grell, viereckig und vollständig ignoriert. Permafrost, der auftaut, macht Hänge brüchig, was sich einpendeln wird, weil der Mensch ja anpassungsfähig ist, vorausgesetzt, man hat genug Beton und Versicherungen.
Die Pointe ist wie immer österreichisch: Man feiert das Messen eines Verschwindens, weil das die einzige Disziplin ist, in der wir Weltspitze sind. Zwei Jahrzehnte lang haben wir das Eis so akribisch dokumentiert wie andere Länder ihre Skandale, und am Ende wird eine Viertelmillion Besucher pro Saison in eine Landschaft geführt, die langsam, aber sicher zu dem wird, was unsere Vorfahren einen Augusttag im Flachland nannten. Das Blechtrio spielt, der Landesrat applaudiert, der Gletscher tropft, und alle sind sich einig, dass man jetzt die Phase der Instabilität beginnt. Wäre nur das Eis noch da, das diesen Satz hätte aushalten müssen.