Jakob Ingebrigtsen, dieser blondierte Wunderknabe aus dem Land der Fjorde und der handgestrickten Lachsnothilfe, hat nach einem Rennen in Brüssel wieder einmal die Weltbevölkerung darüber aufgeklärt, was echte Männer sind und was nicht. Die Konkurrenten über eintausendfünfhundert Meter seien Feiglinge, ließ er verlauten, und meinte damit offenbar jeden, der nicht in der Lage war, ihm auf den letzten zweihundert Metern höflich den Weg freizurampen. Feiglinge. Ein schönes Wort, das in seiner modernen Verwendung ungefähr so viel bedeutet wie: Ich war schneller, also seid ihr moralisch mangelhaft.
Man darf sich das bildhaft vorstellen. Da stehen ein paar abgekämpfte Mitteleuropäer auf einer Tartanbahn, die nach dem fünften harten Rennen der Saison ausschauen wie das, was sie sind, nämlich Menschen mit Beinen, und ihnen gegenüber ein junger Mann aus Norwegen, der mit der gelassenen Haltung eines Wikinger-Erben verkündet, sie hätten das Herz eines Hühnerstalls. Hühnerstall. Als ob der Kerl schon beim Aufwärmen den halben Kabeljau aus Oslo verzehrt hätte und die Konkurrenz nur das Eigelb abbekommt. Es ist die uralte Sprache des Siegers, die so tut, als sei Tapferkeit eine Frage der Schrittlänge.
Natürlich gehört das Geschimpfe zum Geschäft, das wissen sogar jene, die nur einmal im Jahr die Sportschau einschalten, weil sie glauben, es sei ein Reiseführer. Athleten reden gern, besonders nach Rennen, in denen sie gewonnen haben. Wer verliert, schweigt oder schiebt auf den Wind, wer gewinnt, hält eine kleine Predigt über Charakter, Willen und die offenbar genetisch bedingte Überlegenheit der eigenen Volksgruppe. Ingebrigtsen macht das besonders gern. Er klingt dabei wie der Hausmeister einer norwegischen Internatsschule, der beim morgendlichen Aufstellen feststellt, dass schon wieder jemand die Duschkabine nicht ordnungsgemäß gefaltet hat.
Das eigentlich Erheiternde ist aber die Mechanik hinter dem Vorwurf. Wer in einem Diamond-League-Finale auf den letzten Metern nicht nachsetzt, ist kein Feigling, sondern jemand, der seine Kräfte über die ganze Saison verteilt hat und nun eben aufhört, wenn es strategisch klug ist. Das ist keine Feigheit, das ist Budgetplanung. Die mitteleuropäische Variante des Erwachsenenlebens. Der Norweger hingegen kennt nur zwei Zustände, Vollgas oder verdammt noch mal Vollgas, und wer zwischendurch atmet, hat das Leben nicht verstanden. Möglicherweise liegt es am Licht. Sechs Monate Dunkelheit, da wird aus jedem Spaziergang ein Angriff.
Man darf also mit Fug und Recht behaupten, dass hier kein sportliches Ereignis stattgefunden hat, sondern eine kleine Konsumkritik. Wer zu früh aufhört, ist feige. Wer zu spät aufhört, ist engagiert. Wer genau richtig aufhört, existiert im Vokabular des Helden nicht. Es ist eine Sprache, die man aus Firmenbesprechungen kennt, aus Elternabenden, aus jeder WhatsApp-Gruppe, in der jemand schreibt, er habe leider keine Zeit. Feiglinge, alle miteinander. Wer nicht Gas gibt, ist raus. Wer nicht rast, verrät.
Am Ende, und das ist die wahre Pointe, wird niemand gefragt, was im Rennen wirklich passiert ist. Nicht die Zwischenzeiten, nicht der Wind, nicht das taktische Geplänkel im Feld. Nein, es geht um den sittlichen Zustand der Branche. Ein junger Mann steht da mit einer Medaille, schaut in die Mikrofone und doziert über Rückgrat. Hätte er verloren, würde er jetzt vermutlich Interviews geben, in denen er sagt, der Gegner sei großartig gewesen, das Wetter sei schwierig gewesen, der Tag sei nicht seiner gewesen. So aber ist die Wahrheit einfach. Wer nicht spurte, ist ein Feigling. Wer spurte, ist ein Ingebrigtsen. Dazwischen liegt nur der Rest der Welt.
Und die soll jetzt bitte klatschen.