Vier Sekunden. Soviel trennt Felix Gall davon, ein ganz normales Leben zu führen, und genau soviel davon, bei jeder Sonntagsjause in Osttirol als Held empfangen zu werden, der er vermutlich auch ist. Die Spanienrundfahrt, diese brutale Mischung aus Höhenmeterakrobatik und kollektiver Hitzekollaps-Therapie, hat ihn vom dritten auf den zweiten Gesamtrang gehoben, was in der alpinen Gefühlswelt ungefähr so viel zählt wie ein Lottosechser mit Zusatzzahl. Primoz Roglic, dieser Mann, der aussieht wie der Buchhalter einer mittelgroßen Bank, bekam auf der 14. Etappe 25 Sekunden auf den Hut und damit von Gall eine Rechnung präsentiert, die man in Österreich traditionsgemäß mit einem Schnaps begleicht.
Die Etappe selbst führte über 154,5 Kilometer von Jaen nach Sierra de la Pandera, was sich anhört wie eine Strafarbeit für besonders brave Sonntagsschüler. Ein Deutscher namens Marco Brenner gewann das Teilstück, was man sich in der österreichischen Radsportberichterstattung ungefähr so vorstellen muss wie einen Wiener, der in Bayern gegen die Bayern gewinnt: respektvoll notiert, innerlich geschluckt, beim Wirtshaus schon vergessen. Gall rollte gemeinsam mit dem Gesamtführenden Enric Mas über die Ziellinie, exakt 4:12 Minuten nach dem Sieger, was im Land der Berge ungefähr der Durchschnittszeit entspricht, in der ein Tiroler beim ersten Kaffee über das Wetter und den Bundeskanzler sinniert.
Das eigentlich Bemerkenswerte aber ist die Helferbilanz. Fünf Mann sind ihm noch geblieben, weil Gregor Mühlberger tags zuvor im Sturz sein Rad gegen den Asphalt getauscht hat. Wer im Profiradsport noch fünf Helfer hat, gilt als knapp ausgestatteter Mittelständler, etwa vergleichbar mit einem Wirtshaus, das nur noch zwei Köche hat, aber weiterhin Schnitzel auf der Karte führt. Gall formulierte das Risiko folglich vorsichtig wie ein Bankberater vor der Aktienempfehlung, griff erst auf den letzten Kilometern an und nahm das, was die Sportjournalisten landauf landab einen kontrollierten Angriff nennen, was in Wahrheit bedeutet, dass man keinem Kollegen erklären muss, warum man jetzt plötzlich im Graben liegt.
Die Reaktion des Helden war dann auch wunderbar österreichisch untertrieben. Es hätte schlechter kommen können, sagt Gall, und klingt damit wie ein Patient nach der Darmuntersuchung, der dem Arzt mitteilt, dass die Vorbereitung schon schlimmer war. Er sei ganz glücklich, wie es laufe, fühle sich aber erschöpft, was bei 38 Grad im Schatten und einer Bergetappe in Andalusien in etwa so überraschend ist wie ein Kärntner, der zu Hause bleibt, wenn es schneit. Generell, sagte er noch, sei schwer zu sagen, ob er noch zulegen könne, was im Radsport die diplomatische Umschreibung dafür ist, dass man die Beine spürt und die Moral im Keller wohnt.
Drei Worte aber retten die ganze Inszenierung. Top drei, sagt Gall. Das Ziel. Top drei ist im Radsport das, was im Österreichischen der dritte Platz beim Heurigen ist: Man ist dabei, man wird gesehen, und man muss niemandem erklären, warum man nicht Erster geworden ist. Noch eine harte Woche stehe bevor, wurde ergänzt, was in der Sprache der Branche ungefähr so viel heißt wie: Es kann noch viel passieren, wahrscheinlich nichts Gutes, aber wir schauen tapfer zu.
Die Pointe freilich liefert der Rennkalender selbst. Am Montag folgt der Ruhetag, an dem die Fahrer in klimatisierten Hotels liegen und so tun, als würden sie sich erholen, während ihr Kreislauf das Adrenalin der vergangenen Woche langsam abzubauen versucht. Am Sonntag geht es über 189,7 Kilometer von Palma del Rio nach Cordoba, also exakt dorthin, wo man als Tourist mit dem Mietwagen zwei Stunden braucht, vorausgesetzt, man findet einen Parkplatz und ignoriert die Hitze. Dass ein Osttiroler in dieser Umgebung um die Podestplätze fährt, ist im Grunde ein meteorologisches Wunder, vergleichbar mit einem Skilehrer, der im Juli in Dubai eine Piste präpariert. Die Nation darf also weiter hoffen, bangen und beim Frühstück Radioreportagen hören, als ob das eigene Kind am Rad säße. Vier Sekunden sind wenig. Vier Sekunden sind ein ganzer Sommer.