Es gibt Geschichten, die beginnen mit einer Schnapsidee, und enden mit einem Richter, der sich wichtig fühlt. Dies hier ist so eine. Ein 36-jähriger Bulgare mietete in Fischamend einen Camper, vermutlich mit der romantischen Vorstellung, irgendwo am Meer zu stehen und Würstel zu grillen. Stattdessen kam er auf den Gedanken, das Fahrzeug zu behalten. Für sich. Für immer. Für den Wiederverkauf ins Ausland. Kriminelle Energie, gewiss. Aber von der Sorte, die eher nach Mittelmaß als nach Mafia riecht.
Die Anklage lautete auf schweren Betrug, was schon deshalb komisch ist, weil an dem Geschäft nichts schwer war außer die Vorstellungskraft des Beschuldigten. Der zuständige Staatsanwalt sprach von organisierten Strukturen, internationale Masche, kriminelle Vereinigung. Das klingt dramatisch, ist aber ungefähr so, wie wenn man im Heurigen eine Semmel bestellt und der Wirt sagt, er stelle jetzt eine Brotversorgungskette vor. Je kleiner die Beute, desto größer der Staatsapparat, der sich darüber aufregt.
Das Landesgericht Korneuburg behandelte den Fall mit jener feierlichen Würde, die österreichische Gerichtssäle auszeichnet, wenn es eigentlich um nichts geht. Richterliche Blicke, die Schwerter sein wollen, aber meistens nur Suppenlöffel sind. Ein Camper ist kein Drogenkartell, kein Waffendeal, keine großangelegte Hehlerei. Es ist ein Wohnmobil. Mit Vorhängen und einer Spüle, in der man theoretisch abwaschen könnte, wenn man denn wollte.
Dass der Mann überhaupt verurteilt wurde, hat weniger mit der Tat zu tun als mit dem Umstand, dass irgendeiner etwas unterschreiben musste. Das System braucht Fälle, sonst wäre es arbeitslos. Also wurde ermittelt, angeklagt, verhandelt und verurteilt, als ginge es um einen Ring aus Toledo. Am Ende stand vermutlich eine Bewährungsstrafe und ein Mann, der sich fragte, warum er nicht einfach das Auto in Österreich weitervermietet hat. Das wäre wenigstens legal gewesen. Und vermutlich profitabler.
Wirklich spannend wird es aber, wenn man sich vorstellt, was in den Köpfen der beteiligten Behörden vor sich ging. Jemand hat ein Fahrzeug vermietet, jemand hat es nicht zurückgebracht, irgendwo in den Hallen der Ermittlungsbehörden leuchtete ein Lämpchen auf und ein Beamter murmelte etwas von internationalem Fahrzeugschmuggel. Vielleicht stand sogar irgendwo Interpol drauf, obwohl die Einzigen, die international agierten, der Mann und sein Wohnmobil waren. Und die Polizei, die hinterherfuhr.
Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass es in Österreich nicht auf die Größe des Verbrechens ankommt, sondern auf die Verfügbarkeit von Personal. Hätte der Mann einen Lkw gestohlen, hätte man gezögert. Hätte er eine Bank ausgeraubt, wäre der Akt dicker gewesen. Aber ein Camper? Bitte. Da sitzt halb Niederösterreich dran und schreibt Akten. Wochenlang. Mit Kugelschreiber und Behördenstempel.
Der wahre Verlierer ist am Ende ohnehin die Allgemeinheit, die sich nun fragen darf, warum ein Gerichtstag mit so viel Aufwand betrieben wird, während anderswo Einbrüche, Betrügereien und Internetabzocke serienmäßig durchrutschen. Aber das ist das Schöne am Rechtsstaat: Es wird nicht dort ermittelt, wo es wehtut, sondern dort, wo der Papierkram passt. Ein Camper passt immer. Sogar in die Schlagzeilen, wenn auch nur als tragische Hauptfigur einer Provinzposse, die sich schwertut, erwachsen zu werden.