Man kennt das ja. Frauen in Italien arbeiten, lächeln, kümmern sich um die Marketing-Strategien für Vierbeiner, und irgendein Mann kommt irgendwann auf die Idee, das müsse jetzt ein Ende haben. Alles Organisatorische, nichts Persönliches. Der Mann heißt hier Federico V., was in Italien ungefähr so anonym klingt wie ein WLAN-Passwort im Internetcafé, aber bitte, die Privatsphäre muss ja gewahrt bleiben. Schließlich handelt es sich um einen Täter, der eine ganze Strecke Autobahn vorausgeplant hat, inklusive Lieferung frei Haus.
Die Pointe, und hier muss man wirklich aufpassen, dass man sie nicht verpasst, liegt in der vorbildlichen Behördenkommunikation. Die Frau schafft es tatsächlich, im Kofferraum die Polizei zu verständigen. Mit dem Handy, das er ihr freundlicherweise nicht abgenommen hat, weil es für den Täter offenbar wichtig war, dass die Nummer im Display leuchtet. Es ist die letzte moderne Performance-Kunst dieser Beziehung, ein spontanes Stück aus dem Bereich Survival-Theater. Die Polizei, und das muss man der italienischen Verwaltung hoch anrechnen, trifft pünktlich ein. Nämlich nach dem Sturz aus vierzig Metern Höhe. Termingerecht. Wie bestellt.
Das italienische Justizwesen darf sich also wieder einmal rühmen, eine der schnellsten Institutionen Europas zu sein, zumindest wenn es um die nachträgliche Dokumentation tragischer Sportereignisse geht. Die Autobahn A1, jene legendäre Strecke, die Italien mit dem Norden verbindet, bekommt damit einen neuen Eintrag in der touristischen Broschüre. Reisende dürfen sich auf eine atemberaubende Aussicht freuen, diesmal aber bitte aus sicherer Entfernung und ohne die Bekanntschaft eines gewissen Federico. Viadukte haben bekanntlich ihren eigenen Charakter. Manche tragen, andere werfen.
Es stellt sich die berechtigte Frage, warum die Dame ausgerechnet nach Lecce verschleppt wird, obwohl sie in Florenz gearbeitet hat. Vielleicht war es die Sehnsucht nach der Heimat. Vielleicht war es aber auch der Wunsch des Täters, ihr im letzten Moment noch ein kulinarisches Geschenk mit auf den Weg zu geben, etwa eine Kugel Ricotta oder eine Handvoll Taralli. So geht süditalienische Herzlichkeit nun einmal, sie kommt halt ein bisschen plötzlich. Vierzig Meter plötzlich, um genau zu sein.
Man kann dem Ganzen aber auch eine positive Seite abgewinnen. Die Statistiken in Italien steigen, die Sensibilität wächst, die Kerzen werden angezündet. Jede Tragödie ein neues Hashtag. Jedes Hashtag ein neues Profilbild mit gebrochener Stimme. Die nationale kollektive Betroffenheit wird in Echtzeit auf Social Media ausgestrahlt, damit die Welt sieht, dass man fühlt. Hauptsache, man fühlt sichtbar, am besten mit einem Emoji und einem schwarzen Herz. Das ist italienische Seele, sie ist laut, sie ist traurig, sie ist post. Federico sitzt vermutlich längst in irgendeinem Programm, das ihm hilft, mit seinen Gefühlen klarzukommen. Die Gefühle der Frau waren hingegen eindeutig sortiert. Unten.
Am Ende bleibt das Bild einer Frau im Kofferraum, die telefoniert, während ein Viadukt auf sie wartet. Vierzig Meter freier Fall, italienische Erde, ein lachsfarbenes Kleid, das niemand mehr sehen wird. Das ist kein Stoff für ein Drehbuch, das ist eine Premiere, die leider jedes Jahr wieder stattfindet, mit neuen Schauspielern und demselben Skript. Applaus, Vorhang, Kerze. Beim nächsten Mal dann bitte pünktlich, meine Herren von der Polizei.