Man muss es sich einmal vorstellen, mitten in Europa, wo die Leute normalerweise nur wegen Käse und schlechtem WLAN auffallen, da bahnt sich ein Wahlkampf an, bei dem die Kandidaten so zahlreich antreten wie die Sorten im Discounter, nur dass jedes Regal von sich behauptet, die Revolution zu sein. Rund 34 Prozent liegen vorn, und das ist das eigentlich Erschreckende: Es sind dieselben 34 Prozent, die seit Monaten dort liegen, mit oder ohne Fußfessel, mit oder ohne Urteil, mit oder ohne plausible Finanzierung von Renten mit 60. In Frankreich muss man offenbar nur laut genug versprechen, dass man alles verbieten will, was einem nicht passt, und schon gehört einem die Republik. Mehrheitsfähig ist, wer sich traut, den Mindestlohn zu erhöhen, das Klima zu retten, die NATO zu verlassen und gleichzeitig Schulden einfach wegzuwünschen, als wäre die Volkswirtschaft ein Luftballon auf einem Kindergeburtstag, dem man die Luft rauslässt, weil Onkel Gerhard zu viel getrunken hat.
Währenddessen sitzt eine Dame, die angeblich die nächste Präsidentin werden will, zu Hause mit einer elektronischen Fessel am Bein und erklärt der Nation, wie man 125 Milliarden spart, ohne irgendjemandem auf die Füße zu treten, außer vielleicht der Europäischen Kommission, die bekanntlich nie zu Hause ist, wenn man sie braucht. Die Partei dahinter nennt sich treuherzig Rassemblement National, also Sammlung, was ein schöner Euphemismus ist für das, was man bei uns einfach Wirtshausstammtisch mit Reichweite nennt. Dass die Chefin dieses Sammelsuriums juristisch gesehen zwischen Hausarrest und Wahlkampftour pendelt, hat ihren Charme offenbar nicht geschmälert, im Gegenteil, Verfolgung ist in der politischen Klassenrepublik Frankreich seit jeher der zuverlässigste Schönheitsbooster. Man denke an Napoleon, nur mit schlechterer Frisur und ohne Pferd.
Die Mitte des Spektrums, also jener Teil, der einmal die Aufgabe hatte, den Laden zusammenzuhalten, hat sich derweil aufgelöst wie ein Schafktäse im Hochsommer. Hier tummeln sich Männer, die eine erhöhte Bühne brauchen, um überhaupt als relevant wahrgenommen zu werden, und Frauen, die offenbar noch nachdenken, ob sie antreten sollen, weil die Logik dahinter so kompliziert ist wie die Rechnung des Zahnarzts. Ein Bürgermeister aus dem Süden hat sich jedenfalls eine extra hohe Bühne bauen lassen, um seine Anhänger zum Jubeln zu bringen, was in etwa so wirkt, als würde der Bürgermeister einer Kleinstadt eine Skisprungschanze errichten, um den Wasserturm zu inspizieren. Egozentrischer, sagen Insider, gehe es kaum, was insofern beruhigend ist, als dass wenig es sich noch übertrieben werden lässt.
Der Präsident, der nicht mehr antreten darf, weil er schon zweimal angetreten ist, was in Frankreich offenbar die Höchststrafe ist, schaut von oben zu und darf nur noch Interviews geben, in denen er weise lächelt und andeutet, dass alles ganz furchtbar kompliziert sei. Dass er selbst einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet hat, dass die Kluft zwischen Elite und Volk inzwischen eher an einen Schützengraben als an einen höflichen Graben erinnert, gehört zu den kleinen Ironien, die der politische Betrieb so hervorbringt, wenn man ihm genug Zeit lässt. Man könnte fast glauben, die größte politische Leistung dieses Mannes sei es gewesen, das Land so weit zu bringen, dass ausgerechnet die, die es am lautesten versprechen, als die Vernünftigsten gelten.
Was am Ende fehlt, ist nicht eine weitere Kandidatin, ein weiterer Programm oder eine weitere Bühne, sondern schlicht der Humor, sich selbst einmal von außen anzusehen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum eine Republik, die sich fünfmal am Tag umbenannt hat und trotzdem nicht weiß, wie sie heißt, am Ende doch die wählt, die am wenigstens so tut, als hätte sie es im Griff. Und damit sind wir wieder bei den 34 Prozent, die seit Monaten dort liegen, mit oder ohne Verurteilung, mit oder ohne Geld, mit oder ohne Sinn für Zahlen, aber stets mit dem unerschütterlichen Selbstvertrauen einer Nation, die weiß, dass sie eigentlich nichts mehr zu verlieren hat, außer ihrer Würde, aber die ist bekanntlich im Wiederaufbau.