Es gibt Ortschaften in Österreich, da beschließt der Gemeinderat den Ankauf einer neuen Kehrmaschine, und es gibt Ortschaften, da beschließt der Gemeinderat gleich ein ganzes Bildungszentrum mit Spiel- und Basketballplatz am Dach, als würde man ohnehin nichts Besseres mit dem Budget zu tun haben. Frastanz hat sich für die zweite Variante entschieden, man sieht es dem Projekt an, man sieht es der Geste an, man sieht es vor allem dem Stolz an, mit dem die Verantwortlichen zwei Jahre lang eine Baustelle bewirtschaftet haben, die offenbar der einzige Ort war, an dem man sich offiziell begegnen durfte.
Kindergartenleiterin Daniela Tiefenthaler freut sich nun auf einen gemeinsamen Ort für Volksschule, Kindergarten und Kleinkindbetreuung, was im Klartext heißt, dass man sich früher oder später ohnehin alle in der Pause über den Weg laufen wird. Man darf sich das ungefähr so vorstellen wie eine Großfamilie, nur mit besserer Beschilderung, schlechterer Akustik und einem Architekten, der seine Kindheit in einem amerikanischen Sportinternat verbracht haben muss, anders lässt sich der Dach-Basketballplatz kaum erklären. Die Vorstellung, dass ein Fünfjähriger in 14 Metern Höhe einen Dreier wirft, während im Erdgeschoß der gleiche Fünfjährige offiziell noch einen Mittagsschlaf halten sollte, hat etwas von einer politischen Metapher. Man darf alles, man darf überall, man muss nur die Höhe richtig wählen.
Natürlich ist alles pädagogisch durchdacht, es ist immer alles pädagogisch durchdacht, wenn eine Gemeinde viele Steuermillionen in Beton gießt. Die Kinder werden auf dem Dach frische Luft schnappen, drinnen werden sie sortiert, draußen werden sie sortiert, das System bleibt sich treu. Wer mit dem Auto kommt, wird im neuen Konzept vermutlich zur untergeordneten Spezies, denn Parkplätze waren in modernen Bildungstempeln schon immer das, was die heilige Kommunion für Protestanten ist, ein notwendiges Übel, über das man ungern redet. Dafür gibt es dann wenigstens ein gemeinsames Leitbild, das in Bronze graviert irgendwo am Eingang hängt, damit Eltern wissen, in welche Richtung sie ihr schlechtes Gewissen tragen dürfen.
Manche werden jetzt einwenden, das sei doch eine Investition in die Zukunft, in Kinder, in den ländlichen Raum, überhaupt in alles, was man gemeinhin mit einem Spatenstichfoto verbindet. Stimmt auch. Nur dass dieselbe Investition in einer mittelgroßen Schweizer Kleinstadt wahrscheinlich ein Schwimmbad wäre, in einer norddeutschen Kleinstadt wenigstens eine Eishalle, und in Frastanz eben ein Basketballkorb über der Volksschule. Man nimmt halt, was der Markt hergibt, und der Markt hat offensichtlich Beton, ein Flachdach und die unerschütterliche Überzeugung geliefert, dass sich Integration am besten auf zwei Meter Linien beobachten lässt.
Spätestens bei der Eröffnung wird sich dann zeigen, ob die Kinder tatsächlich freiwillig das Dach erklimmen oder ob das Gebäude so freundlich ist, dass die Jugendlichen es trotzdem als Treffpunkt zweckentfremden. Beides ist möglich, beides wäre ehrlich, und beides wäre österreichischer als jede offizielle Rede an diesem Tag. Man darf gespannt sein, ob die Gemeinde auch in zwanzig Jahren noch stolz auf das Projekt ist, oder ob das Fellengatter dann so selbstverständlich geworden ist, dass nur noch die Rentner darüber reden, wie es früher, vor dem Bildungszentrum, zugegangen ist. Damals, als man Kinder noch einfach in die Schule schickte und hoffte, dass sie auf dem Heimweg nicht über die Wiese stolpern.