Eigentlich hätte alles ganz gemütlich werden sollen. Ein laues Lüfterl, ein kühles Blondes, ein paar Hundert Leute, die in Stoffhose und Rüschenbluse andächtig dem Klischee frönen. Stattdessen schickte der Himmel pünktlich zum Abpfiff der Abpfiffserie eine Wolkenfront, die aussah, als hätte Petrus persönlich noch eine Rechnung mit der Braucommune offen. Die Reaktion der Veranstalter folgte prompt und entsprach in etwa dem Ton einer Pressekonferenz im Krisenstab.
Man habe, so hieß es inoffiziell aus dem Umfeld der Brauerei, „alle verfügbaren Trachten mobilisiert“. Was auch immer das heißen mag, vermutlich wurden im Akkord Dirndl aus dem Lager gezogen und Lederhosen bis zur Wadentragfähigkeit gestreckt. Wer kein passendes Stück Stoff am Leib trug, habe augenblicklich den Status eines Verdachtsfalles erhalten und sei von der Bierausgabe an einen separaten Stehtisch verwiesen worden, an dem ausschließlich Mineralwasser mit Zitronenscheibe ausgeschenkt wurde.
Die Bierbrezn-Musi spielte unter diesen Bedingungen in einer Tonart, die irgendwo zwischen zünftig und Endzeitstimmung lag. Beobachter berichteten von einem Auftritt, bei dem die Musiker so in die Tasten griffen, als müssten sie die Anwesenden mit reiner Schuhplattler-Energie gegen die Wetterlage immunisieren. Tatsächlich soll die Stimmung dadurch nicht schlechter, sondern nur eigentümlicher geworden sein. Wer in einer Lederhose bei Starkregen einer Volksmusikkapelle lauscht, hat ohnehin die Schwelle zur Erleuchtung längst überschritten.
Unterdessen bereitet die Braucommune offenbar den nächsten Schlag vor. Beim Bockbieranstich am 26. Oktober soll eine Art Frühwarnsystem installiert werden, das die Trachtendichte im Umkreis von fünfzig Metern misst. Fällt der Wert unter einen kritischen Schwellenwert, greift dem Vernehmen nach eine Art Trachtpflicht light, vergleichbar mit der Gurtpflicht, nur eben fürs Outfit. Wer ohne Lederhose erscheint, bekommt demnach nur mehr alkoholfreies Bier ausgeschenkt, was nach Einschätzung regionaler Experten eine härtere Strafe darstellt als jeder Führerscheinentzug.
Die Begründung liest sich wie ein Protokoll aus dem Innenministerium, nur mit mehr Stickerei. Man wolle, heißt es, „die Identität der Region nachhaltig stärken und gleichzeitig die Bierkultur vor klimatischen Unwägbarkeiten schützen“. Übersetzt heißt das: Sobald der Himmel weint, müssen alle so aussehen, als hätten sie es kommen sehen. Und wer es nicht kommen sieht, der sieht wenigstens gut aus, wenn er es hinterher erzählt.
Ganz nebenbei wird der Braucommune eine Nebenwirkung attestiert, mit der in dieser Deutlichkeit kaum jemand gerechnet hat. Durch die konsequente Trachtverordnung habe sich, so hört man aus durchaus verlässlicher Ecke, die durchschnittliche Hemdtemperatur im Veranstaltungsgelände um mehrere Grad erhöht. Zwar handle es sich dabei lediglich um eine gefühlte Größe, doch die Brauerei sieht darin bereits das Fundament für ein neues Geschäftsmodell. Wärmemantel gegen Wetter, Stoff als Standortfaktor, Bier als Nebenwirkung.
So darf am Ende getrost festgehalten werden, dass die Braucommune das Kunststück vollbracht hat, aus einem verschobenen Wetterbericht eine Art landesweites Sicherheitsgesetz zu stricken. Wer künftig am Bockbieranstich untrachtig erscheint, der hat die Lage einfach nicht verstanden. Die Lage ist nämlich nicht das Bier. Die Lage ist die Lederhose.