Es gibt Augenblicke, da wünscht man sich, die Weltordnung wäre etwas weniger anstrengend. Etwa, wenn hochrangige Emissäre aus Übersee anreisen wollen, man aber zuerst einmal höflich klären muss, ob während ihres Aufenthalts vielleicht jemand auf irgendjemanden schießt. Normalerweise kennen wir solche Sätze aus dem Kreisverkehr vor dem Supermarkt, wenn die Oma mit dem Rollator durchwinkt und man sich kurz abstimmt, wer zuerst fährt. Nun ist es halt die Geopolitik.
Dass für eine simple Visite in einer Stadt, in der seit Jahren ein Krieg tobt, Sicherheitsgarantien eingefordert werden müssen, wirkt auf den ersten Blick beruhigend professionell. Beim zweiten Hinschauen ist es vor allem ein ziemlich vernichtendes Urteil über den Zustand der internationalen Beziehungen. Man stelle sich vor, der Bürgermeister von Hadersdorf kündigt einen offiziellen Empfang an und muss vorab schriftlich versichern lassen, dass während des Sektempfangs niemand den Radlader ausbuddelt. Die Bürgermeister von Hadersdorf werden jetzt vermutlich sagen, so schlimm sei es bei ihnen auch wieder nicht, aber das ist ein anderes Thema.
Besonders charmant ist die Logik der Garantien. Beide Seiten sollen sich also zusammenreißen, solange die wichtigen Leute im Raum sind. Die Botschaft dahinter ist so subtil wie ein Paukenschlag im Ballsaal: Sobald die Unterhändler wieder im Flieger sitzen, darf die übliche Routine weitergehen. Es ist, als würde man den Nachbarsjungen bitten, am Sonntagvormittag bitte leiser zu sein, weil die Schwiegermutter kommt, und sich dann wundern, warum am Montag wieder die Wände wackeln. Man verschiebt den Lärm um ein paar Stunden und nennt es Diplomatie.
Natürlich darf man annehmen, dass die Anreise selbstverständlich ein wichtiges Signal ist. Wenn Männer mit viel Geld und guter Anwaltskanzlei nach Kiew fliegen, hat das Gewicht. Es zeigt, dass jemand das Flugzeug bezahlt, dass jemand das Catering organisiert, dass irgendwer die Aktenmappe mit dem Logo aus der Ledermanufaktur eingepackt hat. Das sind alles Dinge, die braucht es offenbar, damit am Tisch überhaupt jemand sitzt. Vielleicht liegt genau darin der tiefere Sinn der Übung, man reist an, man lässt sich ablichten, man fährt wieder heim, und auf dem Rückflug wird dann sortiert, was eigentlich gewollt war.
In Wien, der ewigen Stadt des Redens, würde man sagen, jetzt wird einmal ordentlich miteinander plaudert. Hierzulande versteht man das, das gehört zum kulturellen Erbe, man trifft sich, man setzt sich, man vereinbart eine Vorgangsweise, man hält sie ungefähr zur Hälfte ein. Das funktioniert zwischen Koalitionspartnern, zwischen Hausgemeinschaften und offenbar auch zwischen Großmächten, sofern man die Sitzung entsprechend absichert.
Dass die Botschaft selbst vor ein paar Wochen geschlossen wurde, weil man mit der Sicherheitslage überfordert war, ist eine Randnotiz, die man getrost weglassen darf. Das ist ein administratives Detail, das gehört in die Kategorie Personalrotation, nicht in die Kategorie strategische Substanz. Wichtig ist nur, dass am Sonntag das Flugzeug landet, dass die Sicherheitsleute höflich grüßen, dass die Aktenmappe auf dem Tisch liegt und dass bitte, wirklich bitte, an diesem einen Tag niemand auf irgendetwas schießt, das die Verhandlungen stören könnte. Danach darf dann wieder alles so weitergehen wie bisher, denn der Alltag kennt bekanntlich keine Garantien.