Man stelle sich vor: Da gewinnt eine Frau zum fünften Mal eine Weltmeisterschaft, schwitzt, keucht, fährt Rad, was auch immer, und das erste, was ihr einfällt, ist nicht der Dank an Sponsoren, Trainer oder den lieben Gott, sondern der aufrichtige Wunsch, einmal ordentlich verarscht zu werden. Fünf Titel, fünfmal offenbar noch nie hereingelegt worden. Das ist keine Sportler-Biografie, das ist eine Beinahe-Lebenskrise.
In Österreich, wo ohnehin jeder zweite Hocker beim Heurigen schon eine kleine Demütigung ist, klingt das zunächst einmal sympathisch. Wir sind das Land, in dem man sich beim Skifahren von der Piste verarschen lässt, in dem man sich beim Wohnen verarschen lässt und in dem man sich beim Sterben verarschen lässt. Dass nun ausgerechnet eine Sportlerin, die ihren Job offensichtlich besser beherrscht als der durchschnittliche Innenpolitiker seinen, öffentlich nachlegt, hat eine gewisse Größe.
Die Reaktionen aus der Branche dürften entsprechend ausfallen. Funktionäre werden sich künftig die Köpfe zerbrechen, wie man einer Frau, die fünfmal ganz oben steht, überhaupt noch auf den Arm nehmen kann. Man wird Sitzungen einberufen, Protokolle schreiben und am Ende eine Arbeitsgruppe gründen, die sich mit der Frage beschäftigt, ob das Verarschtwerden künftig in den Trainingsplan integriert werden soll. Idealerweise mit Dienstag als festem Tag, damit man den Rest der Woche zur Erholung nutzen kann.
In den sozialen Netzwerken wird die Sache ohnehin längst durchgekaut. Die einen feiern die Aussage als Beweis dafür, dass echte Sportlerinnen Humor haben und nicht wie die üblichen Pressetext-Automaten klingen. Die anderen vermuten eine clevere Marketingstrategie, denn wer in Österreich freiwillig zugibt, verarscht werden zu wollen, bekommt die Verarschung gratis nachgeliefert. Es ist ein bisschen wie mit dem Hund, der wedelnd auf den Postboten zuläuft: Die Leute lachen, aber der Postbote beißt trotzdem.
Die Pointe freilich liegt tiefer. Eine Frau, die fünf Weltmeistertitel hat, ist immun gegen die meisten alltäglichen Gemeinheiten. Der Bürokratie-Dschungel, die Trainer-Wechsel-Gerüchte, die Sponsoren-Dinner mit den falschen Gabeln, das alles perlte offenbar an ihr ab. Was bleibt, ist der ganz normale Wahnsinn, dass in einem Land, in dem Verarsche quasi olympische Disziplin ist, plötzlich jemand danach fragt, weil er sie offenbar im Übermaß vermisst.
Man darf der Athletin zugutehalten, dass sie den Satz vermutlich einfach so dahingesagt hat, im Überschwang, mit heiserer Stimme und einem Lächeln, das aussieht, als hätte sie gerade einen Steinwurf überlebt. Aber weil Österreich Österreich ist, wird man den Satz jetzt auseinandernehmen, in Spalten pressen, auf Plakate drucken und bis zur nächsten Weltmeisterschaft in der Kartei führen. Irgendwer wird ihn garantiert beim Neujahrskonzert zitieren, mit Orchesterbegleitung, damit auch ja jeder mitbekommt, dass hier jemand ganz tiefenentspannt über sich selbst lachen kann.
Bleibt am Ende die Frage, was eine fünffache Weltmeisterin eigentlich noch verarschen könnte. Den Papst? Den Weltradsportverband? Die eigene Pressestelle? Egal, es wird jemand aus dem Innenministerium einspringen und mit einem geheimnisvollen Lächeln sagen: Geht schon klar, das kriegen wir hin. Schließlich hat die Republik noch jedes Problem überorganisiert.