Fünfzig Urlaubstage im Jahr sind ein himmelschreiendes Unrecht. Wo bleibt der Aufschrei der arbeitenden Bevölkerung, die sich mit ihren lächerlichen fünfundzwanzig Tagen abspeisen lässt? Fünfzig Tage, wohlgemerkt, zusätzlich zu jenen Anwesenheiten, die der gemeine Steuerzahler als Arbeitstage missversteht. Wer in dieser Republik überhaupt auf die Idee kommt, man müsse regelmäßig im Büro erscheinen, hat das Konzept von Größe noch nicht verstanden.
Denn Größe zeigt sich auch in der Wahl des Dienstwagens. Nicht irgendein Wagen, versteht sich. Bitte sehr, ein Auto, das in der Garage so viel kostet wie eine Eigentumswohnung in Favoriten, deren Bewohner sich über schiefe Fliesen beschweren. Dazu ein Jet, selbstverständlich kein gewöhnlicher, sondern einer, der beim Anblick des Innsbrucker Flughafens beschämt den Triebwerk-Knopf drückt und wieder nach Hause fährt. Ein Chef, der seine eigene Airline besitzt, leistet eben auch bei der Anreise Pionierarbeit.
Nun kommt das Schönste: Der Mann, dessen Unterschrift unter jeder wichtigen Entscheidung prangt, will plötzlich nur noch Berater gewesen sein. Ein Berater, der fünfzig Tage Urlaub nimmt, braucht natürlich auch keinen Dienstwagen und erst recht keinen Jet, weil Berater bekanntlich mit dem Radl in die Garage fahren und am Schalter des Linienflugs höflich um Bordkarte Nr. 47 bitten. So sieht das aus, wenn die Innsbrucker Bergwelt die Sicht auf die Realität freigibt.
Man darf sich die Szene vorstellen: Da sitzt ein Mann in einem Vertrag, der so dick ist wie das Goldene Buch der Stadt Wien, und behauptet, er habe darin nur nachgelesen, nicht unterschrieben. Die Tiroler Bergführer, die schon manchem Sturm getrotzt haben, nicken wissend. Wer in den Alpen einen Vertrag unterzeichnet, weiß, dass selbst ein Murmeltier dabei eine höhere Verbindlichkeit an den Tag legt.
Die wunderbare Pointe liegt freilich woanders. Während sich Anwälte, Buchhalter und Gerichtsvollzieher um die Reste des Imperiums balgen, fordert die Öffentlichkeit mit Inbrunst eine einzige Sache: die Vorlage des Vertrags. Nicht weil irgendjemand glaubt, darin stünden weniger als fünfzig Tage, ein Wagen und ein Jet. Sondern weil jeder Österreicher instinktiv spürt, dass irgendwo zwischen Seite 47 und 73 noch ein Passus über unbegrenzten Sekt und die freie Auswahl an Berghütten wartet. Wer einmal in dieser Republik Karriere gemacht hat, verlässt sie ungern mit weniger als dem kleinen Hofstaat.
Am Ende bleibt die beruhigende Erkenntnis, dass die Republik Österreich zwar keine fünfzig Urlaubstage gewährt, dafür aber eine beneidenswerte Fähigkeit besitzt, überrascht zu tun, wenn einer ihrer Söhne sich genau das nimmt. Die wahren Urlaubstage sind ohnehin die zwischen den Pressekonferenzen, in denen erklärt wird, dass man gar nicht gearbeitet habe. Fünfzig Tage, wohlgemerkt, plus die Tage der vorbereitenden Gespräche, plus die Tage der Nachbereitung, plus die Tage, an denen der Jet betankt wird. Wer hier mitzurechnen beginnt, versteht irgendwann, warum selbst die Pensionsversicherung bei solchen Kalendern in Schweiß ausbricht.
Und so bleibt uns die Aussicht auf eine wunderbare Zukunft, in der jeder halbwegn ambitionierte Geschäftsführer seinen Vertrag künftig mit der Zeile eröffnet: Hiermit wird festgehalten, dass ich ab sofort nur noch beratend zur Verfügung stehe, Urlaubsanspruch, Dienstwagen und Jet gelten selbstverständlich weiter. Es ist die österreichische Variante des sozialen Friedens: Wer oben schwimmt, schwimmt oben, und wer nachfragt, bekommt eine Audienz am Bergisel.