Es gibt Menschen, die schauen im Hochsommer nach Andalusien und denken an weiße Dörfer, Flamenco und ein kühles Bier auf der Plaza. Felix Gall schaut nach Andalusien und denkt offenbar an Höhenmeter, Schweißbänder und die Hoffnung, dass der Asphalt bis Sonntag noch hält. Schließlich geht es um nichts Geringeres als einen Podestplatz, also genau jene Sorte Ehrgeiz, bei der man sich nach der dritten Etappe freiwillig auf einen Sattel setzt, der einem die Woche über zunehmend ungemütlich kommt.
Zunächst steht aber, man ahnt es, ein Zeitfahren an. Gall, von Hause aus Bergspezialist, soll sich also auf einem Rad fortbewegen, das keine Berge kennt, dafür aber sehr genau weiß, wie ungern er da sitzt. Es ist ein bisschen wie die Steuererklärung für einen begeisterten Briefeschreiber: Pflicht, lästig, irgendwie notwendig, und am Ende hofft man, dass die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit nicht allzu groß ausfällt. Dass er dieses Zeitfahren möglichst schadlos überstehen will, klingt im ersten Moment nach Bescheidenheit, ist in Wahrheit aber die sportliche Übersetzung von ich möchte bitte nicht der letzte Mensch sein, den das flache Spanien noch eingeholt hat.
In Andalusien herrschen unterdessen Temperaturen, bei denen sich selbst die Einheimischen unter ihre sommerlichen Rituale flüchten, also in die Siesta, in kühle Innenhöfe, in die ehrliche Überzeugung, dass man ab dreißig Grad Celsius kein ambitiöses Leben mehr führen muss. Gall teilt diese Überzeugung nicht, weshalb er die Hitze als persönliche Beleidigung nimmt und konsequent ignoriert. Das ist entweder heldenhaft oder eine sehr teure Art, seinem osttiroler Temperament freien Lauf zu lassen. Vermutlich beides.
Danach warten dann, endlich, zwei Berge, also jenes Terrain, in dem die Sorte Mensch, die wir Bergspezialist nennen, so etwas wie ein Heimspiel genießt. Man stelle sich das vor wie einen Bankangestellten, der acht Stunden Formulare sortiert hat und nun endlich an den Schalter darf, wo die freundlichen Kunden warten. Nur sind die Kunden hier Berge, die nichts kaufen, dafür aber exakt wissen, wer gerade müde ist. Wer auf einem solchen Berg in Führung geht, fühlt sich kurz wie der einzige Mensch, der die Welt wirklich versteht. Wer auf einem solchen Berg zurückfällt, lernt, dass das Universum durchaus Humor hat.
Dass die Vuelta überhaupt so spät im Jahr noch durch Andalusien führt, wirft Fragen auf, die hier nicht beantwortet werden sollen, weil die Antwort vermutlich schlicht wäre: Weil es schön ist. Und weil irgendwer die Etappenorte festlegen muss, und diese Leute sind, das darf man annehmen, gegen Hitze ebenso abgehärtet wie die Fahrer, oder sie sitzen in klimatisierten Räumen und schauen über Karten, wie man die schönsten Steigungen zwischen Sevilla und dem Ende der Welt legt. Beides ist plausibel.
Was am Ende bleibt, ist ein Osttiroler, der zwischen Zeitfahren und Klettertagen eine kleine öffentliche Verhandlung mit sich selbst führt, während das Thermometer zuschaut und sich offenbar keine besonders große Mühe gibt, neutral zu bleiben. Es ist, alles in allem, ein Drama in drei Akten mit einer Hitzewelle als cholerischem Souffleur und einem Podest, das winkt, sofern man es schafft, nicht vorher schon innerlich zu kündigen. Aber das ist natürlich nur Satire, und die Wahrheit liegt, wie üblich, irgendwo zwischen den Höhenmetern.