Zwölf Jahre. So lange braucht ein durchschnittlicher Oberstufler in Österreich ungefähr, um zu kapieren, dass der Bus schon abgefahren ist, wenn man ihn mit ausgestrecktem Arm winkend am Straßenrand verfolgt. Zwölf Jahre braucht er nun auch, um die Gebärdensprache zu lernen, weil irgendjemand im Bildungsministerium fand, das sei eine runde Zahl, und runde Zahlen lieben Beamte, weil sie so schön in Excel passen. Österreich macht also Ernst: Gebärdensprache als zweite lebende Fremdsprache, gleichberechtigt neben Französisch, Italienisch und Spanisch, also gleichberechtigt neben Fächern, die in Wahrheit nur deshalb existieren, damit Schüler im Erwachsenenalter im Urlaub halbherzig nach dem Weg fragen können.
Die treibende Kraft dahinter ist eine Hochschullehrende, die Mitglied der entsprechenden Community ist und offenbar das Kunststück vollbracht hat, jahrelang so lange an Türen zu klopfen, bis jemand die Tür aufmachte und gleichzeitig so tat, als sei er nicht da. Das Ergebnis ist ein Lehrplan, der die Wörter Sehverstehen, Gebärden, mediales Sehverstehen, mediales Gebärden und linguistische Kompetenzen enthält, was ungefähr so klingt, als hätte jemand das Wort Medienkompetenz zu lange in der Mikrowelle erhitzt. Achttausend bis zehntausend gehörlose Menschen leben im Land, eine halbe Million ist hörbehindert, und der Staat reagiert, wie der Staat reagiert: mit einem Pflichtgegenstand, der nach zwölf Jahren auf B1 führt, also auf dem Niveau, auf dem man sich international verständigen kann, sofern das Gegenüber die gleiche Geste benutzt und das gleiche Bild im Kopf hat. In der Praxis heißt das: Die Schüler werden künftig bei Familienfeiern stehen, wild mit den Händen rudern, und die Tante wird fragen, ob das jetzt eine Gebärde ist oder eine besonders dramatische Schilderung des Schnitzels.
Dass die Umsetzung schulautonom ist, klingt nach Selbstbestimmung, ist in Wahrheit aber das beamtete Äquivalent von: Mach mal, schick uns dann die Rechnung. Jede Direktion kann anbieten, niemand muss, und am Ende wird das Fach vor allem an jenen Schulen angeboten, die ohnehin schon überzeugte Inklusionspilger sind, während die anderen so tun, als hätten sie die Mail nicht gelesen. Die Bildungsdirektionen sitzen dabei in ihren schmucklosen Büros, betrachten die neuen Lehrpläne, nicken wissend und legen sie in die Schublade mit der Aufschrift Wird schon. Der Lehrplan ist ein Versprechen, die Realität ist ein Schubladenfach.
Besonders rührend ist die Idee, dass die Schüler durch das Fach die gesellschaftliche Teilhabe gehörloser Menschen verbessern sollen. Das ist ungefähr so, als würde man den Kindern Schwimmunterricht geben, damit der Pool im Nachbarort endlich genutzt wird. Inklusion ist bekanntlich dann gelungen, wenn alle mitmachen, und in Österreich heißt alle mitmachen traditionell: die Hälfte nickt, ein Viertel meckert, der Rest ist auf Urlaub. Die Hörenden unter den künftigen ÖGS-Lernenden werden also bald in der Lage sein, Smalltalk zu führen, ohne einen Laut von sich zu geben, was im Grunde die höchste Form der österreichischen Kommunikation ist, denn wir reden sowieso am liebsten über das Wetter und tun dabei so, als wäre nichts.
Natürlich gibt es Nebenwirkungen. Wer jahrelang mit Französisch oder Italienisch kämpft, sieht nun eine weitere Sprache auf sich zukommen, die nicht einmal eine Ausspracheprüfung braucht, sondern nur trainierte Unterarmmuskulatur. Die Matura wird komplizierter, die Prüfungskommissionen werden um Augenärzte ergänzt, und irgendwann sitzt ein Schüler da, zeigt mit beiden Händen auf sein leeres Blatt und gilt plötzlich als hochbegabt. Die Zukunft ist Gebärde. Wer jetzt noch spricht, ist verdächtig.