Wenn ein Mensch von Nigeria nach Graz kommt, später in Salzburg, Freiburg, Glasgow und nun in Gelsenkirchen wohnt und am Ende sagt, er sei ein stolzer Malocher, dann ist das erstens eine beeindruckende Mobilitätsbilanz und zweitens ein klarer Hinweis darauf, dass die deutsche Sprache endgültig kapituliert hat. Man stelle sich vor, der Mann wäre in Nigeria geblieben. Dann hätte er vermutlich gesagt, er sei ein stolzer Nigerianer. So aber sagt er das, was die Region von ihm hören will, weil das Revier ohnehin schon genug eigene Identitätskrisen hat.
Dabei ist die Sache mit dem Malochen ja an sich verdächtig harmlos. Jeder, der schon einmal in Österreich eine Wiese gemäht, eine Garage entrümpelt oder in einem Amt eine Wartezeit von drei Stunden mit Würde überstanden hat, weiß: Malochen ist ein Grundrecht. In Gelsenkirchen bekommt das Wort jetzt aber plötzlich den Beiklang einer Grundsatzrede vor Betriebsversammlungen. Stolzer Malocher klingt, als würde sich der Mann gleich einen Kaffeebecher schnappen, in die Werkstatt gehen und dort kollektiv das Torverhältnis reparieren.
Besonders beruhigend ist die theologische Einordnung. Gott hat ihn zu Schalke gebracht. Man darf annehmen, dass Gott zu diesem Zeitpunkt anderes zu tun hatte und nur kurz vom Schreibtisch aufgeschaut hat. Vermutlich hat er erst gestern bemerkt, dass Celtic ihn abgeschoben hat. Vielleicht hat er auch gedacht, es sei noch Salzburg. Bei der geographischen Vielfalt des Profifußballs verwechselt das höchste Wesen hin und wieder die Postleitzahlen. Das ist menschlich.
Was in den letzten Jahren allerdings gelitten hat, ist ausgerechnet jene Tätigkeit, für die ein Stürmer eingekauft wird. Die Rede ist vom Toreschießen, also von dem Handwerk, das zwischen all den Umzügen offenbar auf der Strecke geblieben ist. Neun Tore seit dem Abgang aus Salzburg stehen zu Buche, was ungefähr die Quote eines durchschnittlichen Hobbykickers auf einem steirischen Dorfplatz ist, aber immerhin besser als die Ausbeute mancher deutscher Nationalspieler in wichtigen Spielen. Der Mann hat also das Messlatto. Nur wann er es anlegt, weiß er noch nicht.
Nun also Gelsenkirchen. Eine Wohnung wurde bezogen, die Freundin ist mitgekommen, der Vertrag geht bis 2029, was ungefähr der Halbwertszeit eines Versprechens im Profifußball entspricht. Der Trainer kommt aus Österreich, der Berater kommt aus Österreich, ein Spieler kommt aus Österreich, ein Spieler kommt aus Österreich. Irgendwann wird noch das Stadionpersonal aus Österreich kommen. Dann stellt sich die Frage, ob man in Gelsenkirchen eigentlich noch Deutsch spricht oder nur mehr Steirisch mit Schalker Einschlag.
In diesem Mikrokosmos aus Enge, Stolz und gebrochener Migration erzählt ein junger Mann also, dass sein Selbstvertrauen ein bisschen gelitten habe, was nachvollziehbar ist, wenn man mit zwanzig die Karriereleiter hochklettert und mit fünfundzwanzig im Ruhrgebiet wieder von unten anfängt. Wer hier wirklich malocht, ist am Ende gar nicht der Stürmer, sondern der Fan, der Woche für Woche in die Arena geht und glaubt, dass diesmal alles anders wird.
Und so schließt sich der Kreis: Gott schickt den Mann nach Schalke, der Mann schickt ein Tor nach Schalke, Schalke schickt das Tor zurück nach Nigeria, Glasgow und Salzburg, und am Ende bleibt nur die Erkenntnis, dass der wahre Malocher der Leser dieser Zeilen ist, der tapfer bis zum Ende durchgehalten hat. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass das nächste Highlight-Spiel kommt, der zwölfte Mann wieder im Rücken sitzt und der Trainer aus der Steiermark seinem Spieler erneut die Dinge direkt ins Gesicht sagen wird. Schlimmeres gibt es.