Robert Brieger, ehemals ranghöchster Soldat Europas und Österreichs, also so etwas wie der Hausmeister des Kontinents mit Sternchen, hat sich hingesetzt und nachgedacht. Das Ergebnis ist ein Interview, das man sich ungefähr so vorstellen muss wie einen Pensionistenstammtisch, nur dass der Pensionist halt Orden trägt statt Latzhose.
Sein zentrales Problem: die Vielfalt Europas. Damit meint er vermutlich jene Vielfalt, die entsteht, wenn 27 Nationen gleichzeitig versuchen, eine Meinung über die Mittagspause zu finden. Brieger, der in seiner aktiven Zeit vermutlich mehr Aktenbündel bewegt hat als die Wiener Linien Schrauben, weiß natürlich, wie man das löst. Mehr Übung, mehr Manöver, mehr Brieger.
Das große NATO-Manöver Steadfast Dart war offenbar so ein Schlüsselerlebnis. Achtung, jetzt wird’s historisch: Diesmal mussten die Europäer selbst die Führung übernehmen, weil sich die USA zurückhielten. Die Beteiligten beschreiben das als „beispiellos“. Andere würden es als „normaler Montag im Büro“ bezeichnen, nur mit mehr Tarnfarbe und weniger Kantine. Dass die Europäer einmal ohne amerikanische Hand an der Schulter funktionieren, ist für manche schon eine Revolution. Für andere ist es ein Schritt, den ein Kindergarten beim Ausflug in den Tierpark auch schafft.
Aber Brieger wäre nicht Brieger, wenn er nicht noch eines draufsetzen würde. Die industrielle Schmuddelecke. So nennt er, oder so nennt man in seiner Welt, jene Ecken der Rüstungsindustrie, wo noch nicht alles glänzt. Man darf sich das vorstellen wie eine Werkstatt, in der jemand die Säge schärft, während der Chef im Büro sagt, man solle doch bitte innovativ sein. Europa, so die Diagnose, produziert zu wenig und redet zu viel, was die unangenehme Parallele zu fast allem anderen auf dem Kontinent hat.
Der General empfiehlt also mehr Geld, mehr Plan, mehr Ernst. Vor allem aber mehr Bereitschaft, sich von niemandem mehr etwas sagen zu lassen, auch nicht von sich selbst. Das klingt verdächtig nach einem Mann, der nach der Pensionierung festgestellt hat, dass er nun endlich Zeit hat, jene Dinge zu fordern, die er im Dienst vergeblich vorgeschlagen hat. Erfahrungsgemäß wird so ein Interview dann in Brüssel gelesen, dreimal ausgedruckt, in drei verschiedene Mappen geheftet, in zwölf Sprachen übersetzt, an 27 Hauptstädte geschickt, und am Ende beschließt man, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die 2030 prüfen soll, ob man darüber reden will.
Die Pointe ist natürlich jene, die jeder kennt: Sobald ein ehemaliger General über die Zukunft Europas spricht, geht es um Manöver, Munition und den festen Glauben daran, dass die Lösung in mehr Brieger liegt. Mehr Brieger bedeutet mehr Übersicht, mehr Überblick, mehr Vier-Sterne-Strategie für ein Problem, das eigentlich nur ein Sitzungszimmer und eine Kaffeemaschine braucht. Die europäische Vielfalt, sagt Brieger, sei eine Schwierigkeit. Die europäische Vielfalt ist vor allem deshalb eine Schwierigkeit, weil sich niemand traut, sie Vielfalt zu nennen, ohne gleichzeitig einen Antrag auf Kofinanzierung zu stellen.
So bleibt am Ende die beruhigende Erkenntnis: Europa kann sich verteidigen, solange jemand das Manöver führt. Und sei es nur das Manöver, einen Satz zu Ende zu sprechen, ohne dass ein Berater dazwischenruft, man möge das doch bitte europakompatibel formulieren. Der General nickt dazu, Orden klirren leise, und irgendwo in Brüssel wandert ein weiteres Konzept in die Schmuddelecke.