Man stelle sich vor: Ein Vormittag, fast ungetrübt, die Sonne macht Überstunden, das Land atmet kollektiv durch. Und dann, ja dann, ab Mittag, tickt die Uhr der meteorologischen Dramatik. Quellwolken. Ausgerechnet im Bergland, wo sich der Österreicher ohnehin nur in Wanderschuhen und mit Müsliriegel aufhält. Die GeoSphere Austria, jene Institution, die mit der gleichen Gravitas auch das Wetter von übermorgen in drei Wochen vorauszusagen pflegt, gibt bekannt: Es könnte. Eventuell. Unter Umständen. Ein Gewitter geben. Oder wenigstens einen Schauer. Oder vielleicht nur ein leichtes Rumoren am Horizont, das man sich als Gewitter einreden kann, wenn man nur fest genug daran glaubt.
Das Besondere an der Sache: Es trifft nicht etwa alle. Nein, es trifft die Auserwählten. Osttirol bis zur Buckligen Welt, diese geographische Achse des Schicksals, an deren Enden sich vermutlich schon seit Jahrhunderten die Wolken stauen, weil die Berge einfach keinen besseren Ablageplatz kennen. Das Flachland dagegen darf weiterhin in der Sonne brutzeln, sich über 29 Grad freuen und so tun, als ginge es die ganze Hubschrauberwetter-Romantik im Gebirge nichts an.
Der Wind, und das ist das eigentlich Ergreifende an der Vorlage, weht abseits der Gewitter schwach bis mäßig aus westlichen Richtungen. Schwach bis mäßig. Eine Wetterbeschreibung, die klingt wie das Zeugnis eines braven Bankbeamten, der sich nie etwas zuschulden kommen lässt. Kein Sturm, kein Dramen, keine Eskalation. Der Wind ist artig, der Wind macht keine Szene. Der Wind ist das Mauerblümchen der atmosphärischen Gesellschaft und bleibt es auch diesmal.
Was bleibt, ist die frühherbstliche Temperatur-Range von acht bis 29 Grad, also die meteorologische Entsprechung dessen, wenn man morgens noch in Hausschuhen zum Bäcker geht und mittags auf dem Asphalt Eier braten könnte. Am wärmsten ganz im Osten, versteht sich. Denn der Osten ist traditionell der Ort, wo das Thermometer noch einen oben draufsetzt, vermutlich aus historischem Pflichtgefühl.
Man darf sich also auf einen Mittwoch freuen, an dem irgendwo in Österreich zwischen 13 und 19 Uhr ein paar Tropfen fallen könnten, die man im Tal gar nicht bemerkt. Das ist die moderne Wettervorhersage: Man nennt das Risiko beim Namen, präzise wie ein Anwalt, der im Prozess sagt, es bestehe eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann einmal vielleicht etwas passieren könnte. Und abends, wenn nichts passiert ist, war es trotzdem richtig, weil man ja gewarnt hat. Warnen ist schließlich ein Zustand, kein Ereignis. Und sollte doch etwas fallen, dann war man halt hellwach und der Nation eine Warnung schuldig.
Immerhin bleibt der Nation die Möglichkeit, das Wetter zu wählen, in einer Umfrage, die so repräsentativ ist wie die Auswahl an Marmelade beim Würstelstand: alles gleichzeitig, nichts davon wirklich. Man klickt trotzdem, weil die Sonne scheint und das Handy griffbereit liegt, und weil irgendwer ja abstimmen muss, wenn sich schon die Wolken nicht eindeutig äußern wollen. So wartet Österreich artig auf das Gewitter, das vielleicht kommt, vielleicht nicht, während draußen das schwach bis mäßige Lüftchen aus Westen weht und sich alle einig sind: Wetter ist, wenn man trotzdem über es redet.