Man stelle sich vor: Ein junger Mann, gerade dem Teens entwachsen, betritt eine Wohnung in der Grazer Innenstadt, und zwar nicht etwa, weil er auf der Suche nach dem optimalen Espresso-Tempo der Steiermark war, sondern weil er offenbar das Bedürfnis verspürte, das Mobiliar umzugestalten. Die Umgestaltung verlief leider einseitig, und zwar zu Lasten einer 24-jährigen Frau, die sich diesen Nachmittag sicherlich anders vorgestellt hatte, etwa mit Cappuccino und Schaufensterbummel, aber gewiss nicht als Hauptfigur eines Obduktionsbefundes.
Die Staatsanwaltschaft, die in solchen Fällen normalerweise mit der Verve eines Tiroler Skilehrers auftritt, gibt sich plötzlich so dezent wie eine Servierkraft beim Staatsbankett. Ein Hammer sei es gewesen, heißt es aus Kreisen, die ungenannt bleiben wollen, was in Österreich ungefähr so selten vorkommt wie ein Skifahrer ohne Goretex. Die Behörde jedoch schweigt beharrlich zum Tatwerkzeug, und zwar, man höre und staune, aus Rücksicht auf die Angehörigen. Man darf sich kurz vorstellen, wie die zuständige Sprecherperson, nennen wir sie der Kürze halber einfach K., mit grimmiger Miene die Medienanfragen abwehrt, während das Volk längst im Bilde ist und die Verwandtschaft vermutlich schon beim Bäcker steht und Kren-Semmeln ordert.
Besonders delikat wird die Angelegenheit durch die Familienkonstellation. Der Verdächtige ist kein Fremder, kein Unbekannter, kein mysteriöser Schatten aus dem Internet, sondern der leibhaftige Bruder des Lebensgefährten. Eine Konstellation, die in jeder noch so spielfilmlastigen Vorabendserie als dramaturgischer Knall verkauft würde, hier aber nur als kleine fußnotenwürdige Randnotiz der Ermittlungsakten daherkommt. Es gab Streit, heißt es, und zwar solchen, der offenbar nicht mehr mit der üblichen Semmel-Kren-Diplomatie gelöst werden konnte.
Was die Justizmaschinerie betrifft, so läuft sie erwartungsgemäß im akkreditierten österreichischen Behördentempo. Untersuchungshaft wurde verhängt, die zuständige Anstalt hat den neuen Bewohner bereits in Empfang genommen, Spezialisten haben Spuren gesichert, und die Schnelle Interventionsgruppe hat ihren großen Auftritt gehabt, vermutlich mit jener lässig drüberstehenden Pose, die in keinem noch so traurigen Einsatzbericht fehlen darf. Man darf sich die Beamten vorstellen, wie sie das Stiegenhaus stürmen, als gälte es, einen entlaufenen Golden Retriever einzufangen, nur dass der Empfang diesmal weniger wedelnd ausfiel.
Was bleibt, ist das gewohnte Bild: ein Geständnis, das die Akten schließt, bevor die Diskussion überhaupt begonnen hat. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem Geständnis, als wäre es eine Art Kassenbon, den man diskret entgegen nimmt, ohne den Inhalt allzu genau zu kommentieren. Das Motiv bleibt im Dunkel, die Tatwaffe bleibt im Nebel, die Angehörigen bleiben im Zentrum des öffentlichen Mitgefühls, und die Gesellschaft bleibt mit der altbekannten Frage zurück, warum ausgerechnet jene Monate zwischen einundzwanzig und dreißig in so mancher Biografie der gefährlichste Abschnitt des Lebens zu sein scheint.
Vielleicht sollte man, ganz im Sinne einer modernen Verwaltungsreform, eine eigene Behörde schaffen, die sich ausschließlich um die stilistische Begleitung solcher Fälle kümmert. Eine Art Anteilnaheservice mit eigenem Briefkopf, weinenden Emojis im Wappen und einer Hotline, die rund um die Uhr mit beruhigenden Sätzen wie "Die Justiz arbeitet mit Hochdruck, wir bitten um Geduld, der Kren liegt bereit" besetzt ist. Bis dahin bleibt uns nur, dem Ermittlungsergebnis mit der üblichen österreichischen Gelassenheit entgegenzublicken, und vielleicht bei der nächsten Familienfeier etwas genauer hinzusehen, wer denn da eigentlich alles eingeladen wurde.