Man kann sagen, was man will über Göllersdorf, aber an Selbstvertrauen mangelt es dieser Marktgemeinde nicht. Kaum beginnt das Schuljahr, wird gleich eine ganze Verkehrsweltneuheit ausgerollt, die in etwa so revolutionär ist wie die Erfindung des Rades – allerdings in Gelb, mit weißer Umrandung und freundlichem Hinweis von oben.
Die Idee ist bestechend einfach: Man nehme ein paar Plakate, einen frisch gepinselten Zebrastreifen vor dem neuen Kindergarten und ein paar Bodenmarkierungen, und schon fühlen sich alle sicherer. Funktioniert ja auch beim Weltfrieden, warum also nicht im Ortsverkehr. Die Verantwortlichen zeigen sich sichtlich gerührt über die vielen Kinder, die fortan zu Fuß, mit Fahrrad oder im elterlichen SUV-Konvoi zur Schule pilgern dürfen.
Was in den Jubelmeldungen freilich verschwiegen wird, ist die eigentliche Physik des Schulbeginns. Denn so hilfreich ein Zebrastreifen auch sein mag, er ändert nichts daran, dass dieselben Eltern, die morgens noch mit zwanzig Sachen über die Kreuzung schleichen, nachmittags im Halteverbot stehen, Motor laufen lassen und das Handy in der einen Hand halten, während das Kind in der anderen baumelt. Die Bodenmarkierungen werden das Problem vermutlich genauso lösen, wie ein Warnschild am Wasser den Durst löst.
Besonders rührend ist die parteiübergreifende Eintracht der Aktion. ÖVP und SPÖ ziehen an einem Strang, malen gemeinsam Striche auf den Asphalt und beweisen damit eindrucksvoll, dass die politische Lagerkenntnis in Niederösterreich selbst dort funktioniert, wo ohnehin kein Gegner ist. Patrick Hagen und Thomas Dorfner treten auf wie die Architekten einer neuen Sicherheitsdoktrin, obwohl sie im Grunde nur das getan haben, was jeder Hausverstand seit dreißig Jahren vorschlägt.
Die Gemeinde wünscht allen einen guten Schulstart, was eine schöne Geste ist, aber ungefähr so wirksam wie ein freundliches Lächeln im Stau. Wahre Sicherheit entsteht nicht durch ein neues Plakat, sondern dadurch, dass jemand tatsächlich langsamer fährt. Und genau dieser jemand ist erfahrungsgemäß der eine, der noch nie in Göllersdorf war.
Immerhin gibt es jetzt Bodenmarkierungen für den Bring- und Abholverkehr, was die Sache ordnet, solange man sich an Markierungen hält. Wer aber regelmäßig vor einer Volksschule wendet, weil das halt so üblich ist, den wird auch das weißeste Strichbild der Welt nicht bekehren. Wahrscheinlich wird im Frühjahr die nächste Presseaussendung folgen, in der stolz berichtet wird, dass die Unfälle um null Prozent gesunken sind, weil es vorher keine gab.
Man darf also gespannt sein, was die nächste Verkehrsoffensive bringt. Einen Kreisverkehr vor der Schule, eine eigene Ampel für Kinderwägen, vielleicht einen Sicherheitsbeauftragten, der mit Trillerpfeife vor dem Schulhaus steht. Hauptsache, es wird wieder schön drüber berichtet. In Göllersdorf versteht man eben die Kunst, das Naheliegende so zu verpacken, als hätte man den Mount Everest bestiegen – inklusive Plakat, Markierung und einer großzügigen Portion Selbstbeweihräucherung.