Man kennt das ja. In Graz wird eine Bürgermeisterin angelobt, man klatscht höflich, man drückt ihr ein Amulett in die Hand, das nach einer Amtskette aussieht, und schon gehen im Rathaus die Türen auf wie in einem schlecht getakteten Kasperltheater. Die eine Fraktion flüstert, die andere zischt, und alle suchen hektisch das Statut, weil man sich ja vorher informieren möchte, was man eigentlich alles darf, bevor man es tut.
Dass die Opposition nun an einem Misstrauensantrag bastelt, ist weniger politisches Manöver als vielmehr die ehrliche Fortsetzung einer langen Tradition. In Graz beginnt jede Legislaturperiode mit demokratischer Inbrunst und endet mit der Frage, ob man sich noch duzt oder schon wieder ansieht. Dazwischen liegen Misstrauensanträge wie Wetterberichte: Sie kommen regelmäßig, werden ernst genommen, ändern selten etwas und werden am Ende wie ein leichtes Lüfterl behandelt.
Besonders rührend ist diesmal die Begründung. Budgetsperre. Geld knapp, Konto leer, Stadt zittert. So muss das sein, wenn man Verantwortung übernimmt, weshalb man natürlich diejenige zur Rechenschaft zieht, die gerade erst die Sitzkasse aus der Hand gedrückt bekommen hat. Wäre sie schuld, hätte sie sich vorher drum kümmern müssen, sagen die einen. Hätten sie selbst vorher was tun können, sagt die andere Seite. Beide haben Recht, beide haben keine Mehrheit, also bastelt man.
Die FPÖ denkt laut nach, die anderen nickenkonzentriert, man zählt imaginär die Unterschriften zusammen, als handle es sich um eine Volkspetition gegen Funklöcher. Zwölf Unterschriften braucht es, sechs hat man, sechs besorgt man sich, und der Rest der Opposition liefert sie freiwillig, weil Misstrauensanträge das sind, was man in der steirischen Lokalpolitik miteinander teilt wie früher den Kaffee nach der Sitzung.
Dass es am Ende nichts ändert, weiß man in Graz so sicher wie die Mur ihren Verlauf. Die Mehrheit steht, rechnerisch ist die Sache eine Einladung zur Selbstdarstellung mit Rednerliste, die länger ist als ein Budgetprovisorium. Es wird hitzig diskutiert, es wird an die Vernunft appelliert, es wird dramatisch in die Kamera geschaut, und am Ende wird abgestimmt wie in einer Wirtshausrunde, in der jeder schon weiß, wer das letzte Stamperl zahlt.
Und dann, nach getaner Arbeit, geht man gemeinsam essen, weil man sich ja ab jetzt wieder siezt und dann wieder duzt, je nachdem, ob man eine Ausschusssitzung oder einen Misstrauensantrag überstanden hat. Graz bleibt Graz. Die Kette liegt in der Vitrine, das Statut liegt am Tisch, und die Stadt liegt wie immer zwischen den Sesseln.