Da hat sich also jemand in Graz am helllichten Donnerstagmittag entschieden, den Eingang zu einer Dachgeschosswohnung am Bischofplatz etwas radikaler als üblich zu nutzen. Das Ergebnis ist bekannt. Die 24-Jährige ist tot, der 23-Jährige sitzt in U-Haft, und die Staatsanwaltschaft Graz sitzt auf ihrem Informationsvorrat wie der sture Pförtner auf seinem Hocker.
Besonders beeindruckend zeigt sich einmal mehr die noble Kunst der strategischen Zurückhaltung. Sprecher Christian Kroschl schweigt nämlich zu Medienberichten, wonach ein Hammer als Tatwaffe in Frage kommt. Kroschl will sich nicht äußern. Natürlich nicht. Offiziell ist alles offen, inoffiziell ist es ein Hammer, aber das darf halt niemand wissen, weil sonst womöglich der nächste eifersüchtige Bruder mit dem Werkzeugkoffer durch die Stadt tingelt. Wobei ein Hammer in einer Grazer Innenstadtwohnung etwa so exotisch ist wie ein Marillenfleck am Sonntagsgewand. Wer dort einmal umgezogen ist, weiß: Schrauben, Nägel und kleine Schlagwerkzeuge gehören zur Grundausstattung jedes steirischen Heimwerkers.
Die Ermittler sind indessen damit beschäftigt, das Puzzle zusammenzusetzen. Warum der junge Mann gewaltsam in die Wohnung seines Bruders eingedrungen ist, bleibt sein Geheimnis. Bei den Einvernahmen schweigt er nämlich konsequent. Möglicherweise übt er noch für ein Casting als verschlossener Charakter in einem Tatort-Spielfilm. Vielleicht hat er aber auch einfach beschlossen, dass Schweigen die eleganteste Form der Verteidigung ist, solange die Kaffeemaschine in der Justizanstalt Graz-Jakomini nicht besser funktioniert als sein Leben vor dem 3. September.
Bemerkenswert ist auch das kollektive Erwachen der Nachbarschaft. Fassungslos standen die Leute hinter ihren Vorhängen, als Rettung und Polizei am Donnerstag um Viertel vor eins vor dem Haus auftauchten. Vorher hat natürlich niemand etwas gehört. Schallisolierung in Grazer Innenstadtwohnungen ist bekanntlich eine Wunderwaffe gegen Lärm aller Art. Man hört weder die Fußstapfen im Stiegenhaus noch das Klirren einer Tatwaffe. Bloß das Martinshorn am Ende, das kriegt jeder mit.
Unterdessen bemühen sich die Behörden redlich, die Angehörigen zu schonen und die laufenden Befragungen nicht zu gefährden. Eine rücksichtsvolle Geste, die vor allem jene Mitbürger erfreut, die ihre eigene Neugier stets als legitimes Interesse an der Allgemeinheit tarnen. Ihnen wird empfohlen, bei der Frauenhelpline anzurufen, sich zu sorgen, Rat einzuholen oder einfach einmal innezuhalten. Notfalls hilft auch das steirische Landesmuseum weiter, wo man ohnehin nicht gestört werden will.
Was bleibt am Ende? Eine tote junge Frau, ein verdächtiger Bruder, ein mögliches Werkzeug und ein juristisches Schauspiel, das erst nach den Aktenordnern beurteilt werden kann. Die Staatsanwaltschaft behält das letzte Wort, die Medien behalten den Hammer, und die Bevölkerung behält das mulmige Gefühl, dass in der schönen Grazer Innenstadt die Handwerker manchmal etwas zu hart zuschlagen.