Es gibt Menschen, die sehen die Zukunft so klar vor sich, als hätten sie einen Vertrag mit dem lieben Gott unterschrieben. Unser Finanzstadtrat gehört offenbar dazu, nur dass der Vertragspartner diesmal der Wunschzettel war und die Unterschrift mit Rotstift erfolgte.
In einer geradezu theatralischen Selbstkritik, die man sonst nur von Sängerinnen nach dem falschen Ton im Finale kennt, gab er zu, dass die berühmte Liquiditätsvorschau leider etwas danebenlag. Wie sehr daneben, das erfahren wir vermutlich in mehreren Tranchen, weil man Budgets in dieser Stadt offenbar wie guten Rotwein behandelt: erst atmen lassen, dann nachgießen.
Besonders rührend ist die Begründung. Da wurde gerechnet, geschoben, geplant, prognostiziert, und am Ende kam heraus, dass weniger Geld da ist als angenommen. Eine Nachricht, die in etwa so überraschend ist wie ein Sonnenbrand nach dem Schitag in der Sahara. Die Vorschau, so darf man sich das vorstellen, war weniger Werkzeugkasten, eher Wunschzettel ans Universum, mit Sternchen und ohne Rückporto.
Man stelle sich vor, wie irgendein normaler Bürger beim Bäcker behauptet, er habe das Geld für die Semmel eingeplant, es sei nur gerade woanders, und das, obwohl das Konto seit Monaten nach Konsumverzicht schreit. Der würde vom Filialleiter höflich auf den Wartungsmodus der Geldbörse hingewiesen. Hier dagegen nimmt man es im Fernsehen zur Kenntnis, nennt es Fehler und geht weiter zur Tagesordnung über.
Die Stadt gleicht damit einer Wohngemeinschaft, in der einer den Mietzettel unterschreibt, weil er überzeugt ist, dass das Geld schon irgendwie auftauchen wird, und die anderen so tun, als hätten sie nichts gewusst. So funktioniert Verwaltung, wenn der Optimismus groß und der Kontostand klein ist. Und der Finanzstadtrat, so muss man fairerweise sagen, hat wenigstens den Anstand besessen, nicht zu behaupten, die Zahlen seien richtig und die Realität sei falsch.
Dass ausgerechnet die kleinste Regierungsbeteiligung im Land den größten Hang zur Selbstdarstellung in Krisenzeiten entwickelt, ist an sich schon ein Kapitel für ein Buch über Politik als Kunstform. Man entschuldigt sich, aber man entschuldigt sich so, dass es klingt wie eine Anklage gegen das Schicksal, die Steuergesetze und möglicherweise den falschen Kaffee am Morgen der Sitzung.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass die Liquidität in Graz ein ähnlich flüchtiges Wesen ist wie die Energie eines Mauerblümchens beim Abschlussball. Alle sehen es, alle wussten es, und derjenige, der es ausspricht, gilt plötzlich als ehrlich, weil die Messlatte in der Zwischenzeit auf Fußbodenhöhe gefallen ist. Und genau das ist die Pointe, die man sich merken darf: In dieser Stadt ist das Eingeständnis eines Fehlers noch lange kein Zeichen von Einsicht, sondern vor allem eins von Timing.