Man stelle sich vor: Ein Molekül wird dabei gefilmt, wie es arbeitet. Nicht von einer Überwachungskamera aus der Stadt, nicht von einem findigen Nachbarn mit dem Handy, sondern von einem staatlich alimentierten Laser. Es ist eine Zeit, in der die Universität Graz endlich eine Antwort auf die Frage liefert, die sich die Menschheit seit der Erfindung der Glühbirne stellt: Was macht das Ding da oben auf dem Dach eigentlich den ganzen Tag, wenn die Sonne scheint? Dass die Antwort „ein Molekül“ lautet und ein Molekül ungefähr zwei Nanometer groß ist, also in etwa so groß wie die Karrierechancen eines Jungakademikers ohne Drittmittel, macht die Sache nur noch feierlicher.
Peter Puschnig, Professor am Institut für Physik, spricht von Präzision bis ins kleinste Detail, als wäre er ein Uhrmacher in der Grazer Innenstadt, dem die Stadtwerke den Auftrag gegeben haben, den Feierabendverkehr exakt zu takten. Seine Mitarbeiter, ein Doktorand namens Siegfried Kaidisch und ein Postdoc namens Christian Kern, stehen Modell, als würde Graz eine neue Imagekampagne brauchen und der Forschungsbereich wäre das neue Murkraftwerk. Man darf sich das Procedere so vorstellen, dass in Deutschland Laser auf ein winziges Stück Materie feuern, in Graz jemand auf einen Bildschirm starrt und alle so tun, als wäre das kein ganz normaler Dienstag, sondern ein historischer Wendepunkt der Energiepolitik.
Die Pointe liegt natürlich, wie so oft in der steirischen Forschungslandschaft, in der Zeitspanne. Bis die Ergebnisse in eine Photovoltaikanlage auf einem realen Dach wandern, vergehen zehn bis zwanzig Jahre. Das ist exakt die Frist, die ein Wiener Bauordnungsamt braucht, um einen Liftumbau zu genehmigen, also liegt die Sache voll im österreichischen Erfahrungshorizont. Dafür darf das Projekt den schönen Namen „Orbital Cinema“ tragen, weil offenbar nichts so sehr überzeugt wie ein englischer Titel, der nach Hochtechnologie klingt und nach nichts aussieht. Die Fachzeitschrift „Physical Review X“ hat das Werk abgedruckt, was in der Wissenschaft so viel heißt wie: Sie haben offiziell gewürfelt, und alle anderen müssen es jetzt auch glauben.
Dass eine Photovoltaikanlage derzeit 18 Prozent des Sonnenlichts in Strom verwandelt und der Rest irgendwo zwischen heißem Dachziegel und der berechtigten Frage des Versicherungsagenten verloren geht, war bisher kein dringendes Problem, weil die Förderungen ja fließen. Nun aber, so die Verheißung, soll alles billiger, besser und nachhaltiger werden. Billiger, das ist natürlich das Argument, mit dem in Graz seit jeher jeder Heizungstausch, jeder Lift und jede neue Busspur begründet wird. Wenn die Forschungsgruppe zusätzlich herausfindet, wie sich ein Molekül räumlich verteilt, kann man vielleicht gleich die Parkplatzsuche in der Zinzendorfgasse mitlösen, aber das ist eine andere Publikation.
Bleibt die beruhigende Erkenntnis, dass in einer Welt, die über Energiepreise, Krieg in der Nachbarschaft und die nächste Wahlperiode diskutiert, drei Menschen in einem Labor sitzen und versuchen, einem zwei-Nanometer-Kleinklein das Streiten mit dem Licht abzugewöhnen. Sie nennen es Durchbruch. Die Anrainer der Uni nennen es wieder Parkplatzchaos. Die Steiermark nennt es Lebensgefühl. Und die Solarzelle auf dem Dach wartet brav weiter, bis die Wissenschaft so weit ist, dass man sie wieder einladen darf, im Budget vorbeizuschauen.