Man stelle sich vor, jemand erbt ein prächtiges Gemälde, hängt es an die Wand und schreibt sich anschließend ins Stammbuch, ein begnadeter Innenarchitekt zu sein. So ähnlich muss man sich die Halbjahresbilanz der Raiffeisen Landesbank Steiermark vorstellen. 633,7 Millionen Euro Gesamtergebnis, klingt erst einmal nach ehrlicher Arbeit. Dann schaut man genauer hin und stellt fest: 476,2 Millionen davon sind ein Bewertungseffekt aus der Beteiligung an der Raiffeisen Bank International. Mit anderen Worten, man sitzt auf einem Aktienpaket von knapp zehn Prozent, der Kurs bewegt sich nach oben, und schon heißt es, man habe gewirtschaftet. Das ist, als würde sich ein Schafhirte als Meteorologe feiern lassen, nur weil der Himmel gerade blau ist.
Der Generaldirektor spricht von einem Fundament, um Kunden sowohl bei Herausforderungen als auch in Wachstumsphasen zu begleiten, was eine elegante Umschreibung dafür ist, dass man in jedem Fall mitreden will. Die operativen Zahlen, also jene, die tatsächlich aus dem eigenen Zinsgeschäft und aus Provisionen stammen, fallen da schon bescheidener aus. 75,3 Millionen Zinsüberschuss, 23,6 Millionen Provisionen, zusammen 98,9 Millionen. Das ist solide, das ist brav, das ist Handwerk. Nur leider geht es in der offiziellen Lesart ein bisschen unter, weil 476 Millionen Bewertungseffekt nun einmal lauter knallen als zwei Handvoll ehrlicher Erträge. Man kann dem Haus also vorwerfen, dass es das eigene Geschäft etwas unter Wert verkauft, so wie ein Wirt, der die beste Hauptspeche verschweigt, weil das Bier mehr Profit bringt.
Besonders rührend ist die Begeisterung über die eigene Anleihe. 500 Millionen aufgenommen, 3,250 Prozent Zinsen, fünf Jahre Laufzeit, und das bei einer Überzeichnung von 2,6 Milliarden. So viel Nachfrage, dass die Bank aus dem Vollen schöpfen konnte, was in der Branche offenbar als Vertrauensbeweis gefeiert wird. In Wirklichkeit zeigt es vor allem, dass auf dem Markt gerade viel Geld unterwegs ist, das einen sicheren Parkplatz sucht, und 3,250 Prozent bei einer Landesbank gelten als sicherer Parkplatz. Die Bank deutet das natürlich als Auszeichnung ihrer Attraktivität, vergleichbar mit einem Würstelstand, der stolz darauf ist, dass die Leute bei Regen trotzdem kommen. Sie kommen, weil sie Hunger haben, nicht weil die Ketchup-Spritze besonders elegant designt ist.
Die Bilanzsumme wächst um 376,6 Millionen auf 17,88 Milliarden Euro, was sich liest wie die Diät eines sehr, sehr disziplinierten Finanzsportlers, der jedes Jahr ein kleines Stück zulegt. Man darf gespannt sein, wann die 18 Milliarden offiziell geknackt werden, vermutlich mit einer eigenen Feier im Atrium und einer kleinen Torte in Form einer Bilanz. Die Eigenmittelquote liegt bei 23,3 Prozent, ein Wert, der klingt, als habe man vorgesorgt für den Fall, dass die halbe Steiermark gleichzeitig einen Kredit braucht. Sehr beruhigend, auch wenn die Frage bleibt, ob die Bank das Geld im Ernstfall tatsächlich hergeben würde oder ob sie es sich bis zuletzt als strategische Reserve hütet.
Was bleibt, ist das altbekannte Schauspiel: Ein Institut, das sich hinstellt, als habe es das Geld im Schweiße seines Angesichts verdient, obwohl ein ordentlicher Batzen davon schlicht der Wertentwicklung eines Papiers zu verdanken ist. Dazu eine Portion Pathos, ein Schuss Selbstbeweihräucherung, und schon klingt jede Bilanzpressekonferenz wie ein Festakt. Die Steiermark darf sich freuen, dass ihr Geldinstitut prächtig dasteht, auch wenn das Prächtigstehen in Wahrheit zu einem guten Teil das Werk eines Wiener Mutterkonzerns ist. Solange der Aktienkurs mitmacht, braucht hier niemand nervös zu werden, und solange niemand nervös wird, darf weiter von Fundament, Wachstum und Begleitung gesprochen werden. Eine eigene Anleihe legt man dann obendrauf, ganz nach dem Motto: Wer ohnehin schon auf einem Berg steht, kann auch noch ein Gipfelkreuz dazustellen.