Endlich, möchte man rufen. Endlich hat sich jemand hingesetzt und die Sache mit der Nachhaltigkeit in einem gebündelten Schriftstück verewigt. Bisher musste man ja raten, ob ein Bauunternehmen, das gerne Erde bewegt, auch die Erde schont. Jetzt liegt es schwarz auf weiß vor, mit Sicherheit auf recyclebarem Papier, vermutlich aber doch nicht, weil so etwas in der Branche noch keinen Use Case hat.
Der Titel allein ist schon ein kleines Kunstwerk. Haltung formt Zukunft. Klingt zunächst nach Reiterhof, entpuppt sich aber als ambitionierter Versuch, dem Begriff Nachhaltigkeit eine bauphilosophische Tiefe zu verleihen, die selbst die Statik in Ehrfurcht erstarren lässt. Man darf sich die Auftaktveranstaltung dazu gern vorstellen. Vorhang auf, Licht an, ein freundlicher Moderator, der mit gedämpfter Stimme ankündigt, dass man jetzt gemeinsam in eine bessere Welt blicke, und im Hintergrund werden auf einer Leinwand Wasserzeichen von Blättern eingeblendet, die sich langsam in Logos verwandeln.
Inhaltlich darf man davon ausgehen, dass alles enthalten ist, was solche Berichte üblicherweise enthalten. Also Bekenntnisse zu einer klimaneutralen Zukunft, die irgendwann zwischen 2040 und 2050 eintreten soll, exakt dann, wenn die derzeitigen Verantwortlichen ohnehin in Pension sind und nichts mehr unterschreiben müssen. Dazu Zwischenbilanzen, die klingen, als hätte jemand das Wort Reduktion mit einem besonders weichen Bleistift geschrieben, damit es nicht zu hart klingt. Reduktion von Emissionen, Reduktion von Verbrauch, Reduktion von allem, was schlecht aussieht, auch wenn die Baustellen vor der Tür das genaue Gegenteil vermelden.
Besonders beliebt in solchen Dokumenten ist die Rubrik Soziales. Hier steht dann drin, dass man die Mitarbeiter schätze, dass die Sicherheitsschuhe regelmäßig erneuert werden und dass es anonyme Hinweissysteme gibt, die so anonym sind, dass sie niemand benutzt. Gelegentlich findet sich auch der Satz, dass Vielfalt gelebt werde, was in der Praxis bedeutet, dass auf den Fotos der Website bewusst Personen mit unterschiedlichen Helmfarben abgebildet sind.
Und dann die Unternehmensführung. Nachhaltigkeit, sagt das schöne Wort, sei Chefsache. Das ist immer dann besonders glaubwürdig, wenn die Chefs die Berichte nicht selbst lesen, sondern sie von einer Abteilung verfassen lassen, die wiederum von einer Agentur beraten wird, die wiederum von einem anderen Berater beraten wird, und am Ende sitzt ein Praktikant da und darf die Quellenangaben sortieren.
Wer jetzt glaubt, das Ganze sei reine Selbstdarstellung, liegt vermutlich richtig, darf es aber bitte nicht sagen, weil Aufrichtigkeit in der Branche als karrieregefährdend gilt. Stattdessen wird der Bericht stolz an Kunden, Gemeinden und alle, die es hören wollen, verschickt, am besten gleich mit einem freundlichen Begleitschreiben, das daran erinnert, dass man auch in Zukunft gerne Aufträge übernehmen möchte, vorzugsweise solche, bei denen Erde bewegt wird, natürlich im Sinne der Nachhaltigkeit, versteht sich.
Dass das Ganze einen Beigeschmack hat, liegt in der Natur der Sache. Bauen ist per Definition eine Tätigkeit, die Landschaft verändert, Boden verdichtet, Material transportiert. Wer hier mit dem Begriff Nachhaltigkeit hausieren geht, muss entweder sehr kreativ rechnen oder sehr überzeugend formulieren können. Beides scheint zu funktionieren, denn sonst gäbe es den Bericht nicht in dieser Form.
Was bleibt, ist ein Schriftstück, das vermutlich niemand von Anfang bis Ende liest, das aber in keinem Presserucksack fehlen darf, wenn es um Imagepflege geht. Es liegt jetzt also da, das Bekenntnis zum Besseren, fein säuberlich sortiert nach Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, und wartet geduldig darauf, dass das Wirtschaftsjahr 2025/26 beginnt und man die schönen Ziele in die Realität übersetzt.
Bis dahin darf weitergebaut werden wie bisher, nur mit einem guten Gewissen, das jetzt amtlich beglaubigt ist.