Stellen Sie sich vor: Sie greifen auf Ihrem eigenen Hof nach einem Gegenstand, und das Einzige, was Sie danach noch greifen können, ist ein mulmiges Gefühl. Ein 62-jähriger Steirer aus dem Bezirk Bruck-Mürzzuschlag hat diesen Sonntag vermutlich ganz anders geplant, als ihn die Natur dann überraschte. Er bückte sich, die Schlange biss, und schon war der sonntägliche Frieden so gründlich gestört wie ein Mittagsschlaf nach drei Espressi.
Dass es sich ausgerechnet um eine Kreuzotter handelte, ist eigentlich das einzig Seriöse an dieser Geschichte. Kreuzottern sind in der Steiermark etwa so heimisch wie der Sonntagsbraten, und sie beißen üblicherweise nur, wenn sie keine andere Möglichkeit sehen, dem Geschehen zu entkommen. Was wiederum bedeutet, dass der Mann entweder ungewöhnlich dicht über dem Boden hing oder die Schlange einen ausgeprägten Sinn für dramatische Auftritte hat. Wie auch immer, das Tier verschwand sofort in der umliegenden Natur, ganz so, als hätte es einen Termin und keine Lust auf Interviews.
Man stelle sich die Szene vor: Ein Mann, der gerade noch glaubt, dass ihm auf eigenem Grund und Boden nichts passieren kann, steht nun da mit einer Hand, die ihm langsam aber sicher klar macht, dass die Natur doch noch ein Wörtchen mitzureden hat. Die Hand schwoll an, der Rest des Mannes blieb erfreulich stabil. Ansprechbar, bei Bewusstsein, kurzum: ein medizinischer Fall für die Kategorie „wird schon, aber wir machen trotzdem was draus". Das Rote Kreuz kam, der Rettungshubschrauber kam, und das Rettungshubschrauberchen durfte auf dem Weg noch lernen, dass man Einsatzkräfte nicht grundlos alarmiert. Entwarnung während des Anflugs, weil der Mann zwar gebissen wurde, aber ansonsten den Eindruck erweckte, als würde er den Rest seines Lebens auf dem Hof verbringen wollen.
Dass am Ende alles im LKH Hochsteiermark landet, ist an sich schon ein Kapitel für sich. Lebensgefahr keine, weitere Personen nicht gefährdet, und die Schlange vermutlich irgendwo in einer Wiese, die sich wunderbar darüber freut, dass sie wieder einmal den Ton angegeben hat. Während die einen nun einen medizinischen Fall verbuchen, machen sich andere vermutlich Gedanken darüber, wie man einen Hof überhaupt reptiliensicher macht. Gartenzaun, Stalltor, doppelte Absicherung beim Handschuhfach und ein wachsames Auge auf jeden Grashalm, der sich verdächtig kräuselt.
Die Pointe aber liegt anderswo. Sie liegt darin, dass die Steiermark eine Landschaft ist, in der man aufpassen muss, wohin man greift, will heißen: Man sollte nicht glauben, dass die Natur vor der Hoftüre pausiert. Und wer das nicht glaubt, bekommt eine Lektion, die er mit nach Hause nimmt. Hier nicht in Form einer offiziellen Mitteilung, sondern in Form einer angeschwollenen Hand, einer kurzen Hubschrauberfahrt ins Leere und der Gewissheit, dass die Kreuzotter den Sonntag deutlich weniger genossen hat als der Mann, der sie beim Mittagessen störte.
Was bleibt, ist ein 62-Jähriger, der seinen Hof vermutlich in Zukunft mit einem neuen Sicherheitsabstand betritt, und eine Schlange, die längst vergessen hat, dass es jemals ein Sonntag war.