Es gibt Themen, über die man während einer Radtour einfach nicht reden sollte: Religion, Politik und die Fassade eines neu errichteten Wohnhauses. Eine 64-jährige Schweizerin aus dem Kanton Aargau hat das ignoriert und prompt die Quittung in Form eines schweren Schädel-Hirn-Traumas bekommen. An einem Samstag, an dem das Wetter schön war, die E-Bikes frisch geladen und die Männer galant vorausgefahren sind.
Die Ausgangslage war eigentlich idyllisch. Zwei Ehepaare aus der Schweiz, gesetztes Alter, Helm auf dem Kopf, allesamt vorbildlich. Die Herren düsten voraus, vermutlich um irgendwo einen Kaffee zu reservieren oder die Lage der nächsten Konditorei auszukundschaften. Die Damen folgten in gemütlichem Abstand und fachsimpelten über Bauqualität, Fenstereinsicht und vermutlich auch über die städtebauliche Fehlentwicklung der Oststeiermark. Denn nichts ist gefährlicher, als zwei Frauen gleichzeitig über ein Wohnhaus reden zu lassen. Da werden Radwege zur Nebensache.
Beim Abbiegen vom Trummerweg auf den Radweg R2 geschah dann, was im österreichischen Verkehrsrecht fast schon als höhere Gewalt gilt: Eine Frau sah ein Haus und vergaß die Gegenfahrbahn. Sofort kam ihr eine 36-jährige Wienerin entgegen, deren ganzer Charme an diesem Tag offenbar in einer Notbremsung aufging. Ihr Lebensgefährte aus dem Bezirk Leibnitz erkannte die Lage ebenfalls und reagierte professionell, indem er ihr fachgerecht ins Hinterrad fuhr. Klassische Kettenreaktion, sozusagen steirische Domino-Theorie.
Die Schweizerin blieb danach liegen, bewusstlos, still, der Blick gen Himmel gerichtet. Ihr Begleitumstand war offenbar, dass der Rettungshubschrauber Christophorus angefordert werden musste, also ein vollklimatisierter Hightech-Apparat mit Pilotin und allem Drum und Dran, nur um eine Rentnerin einzusammeln, die eigentlich bloß über Fensterbänke reden wollte. Das ist die wahre Krux an der modernen Freizeitkultur: Man gibt Unsummen für E-Bikes, Helme und Smartwatches aus, und dann wird man vom Immobilienmarkt niedergestreckt.
Das Beste an der Geschichte ist freilich die Pointe, die kein einziger Regionalreporter zu schreiben wagt: Alle drei trugen einen Helm. Man sieht also, wie sinnlos das deutsche Wort Sicherheitsgefühl ist. Es geht nicht um Sicherheit, es geht um Symbolik. Man setzt sich den Kopfschutz auf, fährt brav los, nickt im Vorbeigehen einem Hund zu, und wird trotzdem vom eigenen Gespräch überflüssig gemacht. Hätte die Aargauerin ihren Helm vergessen, wäre sie jetzt wenigstens ehrlich verunfallt. So aber muss sie sich im Spital den Kommentar anhören, dass die Rettungskette funktioniert habe.
Der Hubschrauber landete also, die Dame wurde verpackt und Richtung Graz abtransportiert, wo das Landeskrankenhaus tapfer darauf wartet, dass die Schweizer Kantonale Krankenkasse brav die Rechnung bezahlt. Die zwei Leichtverletzten dürften derweil ihre eigenen Fahrräder begutachten und dabei jenen Gesichtsausdruck gezeigt haben, den jeder kennt, der nach einer Schrecksekunde sein Fahrrad betrachtet und sich fragt, ob die Versicherung das wirklich als Unfall akzeptiert.
In Wahrheit zeigt der Vorfall, warum die Südoststeiermark mehr braucht als nette Radwege und christophorische Luftrettung: Sie braucht einen Radfahrkurs für Schaulustige. Wer ein neu errichtetes Wohnhaus sieht, sollte sofort absteigen, das Handy zücken und das Gebäude zwanzig Minuten lang in Ruhe anstarren. Denn solange wir Radfahrer auf der Straße über die falschen Dinge reden, solange wird die Hubschrauberstatistik in dieser Region weiter wachsen, als gäbe es kein Morgen. Und solange die Männer glauben, sie müssten vorausfahren, wird im Heck ihrer Frauen über Architektur debattiert, bis der Hubschrauber kommt.