Endlich weiß die Menschheit, woran sie ist. Nach Jahrhunderten der Unwissenheit haben findige Baustoff-Pioniere herausgefunden, dass Häuser, die gut isoliert sind, im Sommer kühler bleiben. Eine Revolution, vergleichbar mit der Erfindung des Rades, nur praktischer, weil man dafür keine Speichen ölen muss. Der Versuchspark, der dieser epochalen Erkenntnis auf die Sprünge hilft, ist natürlich der größte seiner Art in ganz Europa. In Amerika gibt es keinen. In Asien erst recht nicht. Und in Australien haben die Forscher schlicht aufgegeben, weil dort jedes Haus nach drei Wochen ohnehin nur noch ein begehbarer Ofen ist.
Was hierzulande geboten wird, ist Forschungsinfrastruktur vom Feinsten: 33 Messsensoren pro Haus, eingebaut in Mauern, die eigens dafür gebaut wurden, um herauszufinden, was man in Mauern einbaut. Das ist die hohe Schule der Wissenschaft. Man nehme ein Haus, stopfe es mit Technik voll und lasse es von der Sonne grillen, bis die Bewohner in den Schatten flüchten. Anschließend wird gemessen. Mehrfach. Mit Sensoren. In der Schweiz, wo man traditionell mit allem schneller ist, hätte man wahrscheinlich gleich ein Thermometer in die Verfassung geschrieben.
Die Pointe dieser Forschungsanstrengung, die einem die brillante Marketingabteilung eines Baustoffkonzerns voller Inbrunst ins Hirn brennt, ist natürlich der Slogan: Egal womit, Hauptsache du dämmst. Das ist nicht etwa Faulheit, das ist Demokratie. Ob Mineralwolle, Holzfaser oder recycelte Zeitungsannonce – Hauptsache, das Ding zwischen Innen und Außen hindurchpasst. Wenn die klimatische Zukunft Österreichs davon abhängt, wie viele Kubikmeter Dämmmaterial in einer Fassade verschwinden, dann darf man getrost behaupten: Wir sind bestens aufgestellt. Vorausgesetzt, die Fassade steht.
Besonders rührend ist der Umstand, dass die Ergebnisse dieser Versuchsanordnung ausgerechnet jetzt präsentiert werden, da die ältere Generation fluchtartig ihre Wohnungen verlässt. Wohin, weiß niemand. In klimatisierte Einkaufszentren? In die sommerfrische Schwiegertochter? In ein Pflegeheim, das kühlt wie ein norwegischer Fjord? Wahrscheinlich einfach in den nächsten Park auf die Wiese, wo die Temperatur nachts wenigstens unter 30 Grad fällt. Die Wissenschaft wird das alles mit Sensoren dokumentieren, sobald die Sensoren ausreichend gekühlt sind. Diesen Sommer vielleicht nicht mehr, aber nächsten Sommer bestimmt. Spätestens übernächsten.
Wer jetzt glaubt, die Antwort auf klimatische Veränderungen sei weniger Dämmung und mehr gesunder Menschenverstand, der irrt. In Österreich wird über Hitzeschutz nicht in Klimazimmern debattiert, sondern in Wohlfühlzimmern. Da sitzt man beieinander, trinkt Hollersaft aus Gläsern mit dicker Wand und bespricht, wie man künftig die Wand selbst dicker macht. Was die Kosten angeht, keine Sorge: Das übernimmt die nächste Generation. Die wohnt dann ohnehin in der Forschungsmiete, weil das Eigenheim unbezahlbar geworden ist. Dann können die Sensoren gleich mitmessen, wie sich Mieterinnen und Mieter fühlen, wenn die Miete steigt, weil die Fassade endlich nachhaltig ist.
Am Ende bleibt nur eine Gewissheit: Österreich hat keine Hitze, sondern eine Bauphysik-Krise. Und die wird gelöst. Mit Sensoren. Mit Sitzungen. Mit Ausschüssen. Und mit dem unerschütterlichen Glauben daran, dass man jeder existenziellen Herausforderung am besten begegnet, indem man sie in einem Versuchspark bei Schönwetter durchspielt und das Ergebnis in einem Symposium präsentiert, zu dem nur jene kommen, die schon vorher eine Klimaanlage hatten.