Stellen Sie sich vor, Sie machen Ihren Job seit Jahrzehnten mit mittlerer Begeisterung, und plötzlich beschwert sich jemand, dass Sie zu wenig sterben. Genau so muss es dem heurigen Sommer gehen. Er hat sich redlich bemüht, er hat gestrahlt, geglüht, Asphalt zum Schmelzen gebracht und ältere Semester in den Greissler geschickt, um noch schnell Mineralwasser zu holen. Aber dann kam eine Behörde und hat ihm vorgerechnet, dass er nur 646 Menschen ins Grab befördert hat. 646. Im Juli. Plus Juni. Das ist ein Rekord, und nichts hasst der österreichische Sommer mehr als ein ungebührlicher zweiter Platz. Er wird sich anstrengen müssen.
Dass ausgerechnet eine Behörde den traurigen Ehrgeiz entwickelt, den Wettertod in sauberen Kurven mitzuzeichnen, hat natürlich niemanden überrascht. Schließlich lebt die Verwaltung davon, Dinge zu zählen, die keiner bestellt hat. Solange die Apparate warmlaufen, die Tabellen sich füllen und die Pressekonferenzen stattfinden können, ist die Hitze ein gefundenes Fressen. Man nehme Sterbedaten, packe Wetterdaten drauf, rühre einmal kräftig um und serviere das Ganze als wissenschaftliches Modell. Schmeckt nach niemandem, sieht nach niemandem aus, aber es steht in einem Bericht, und das ist die Hauptsache.
Besonders verdient macht sich die Erkenntnis, dass Krankenhäuser, Pflegeheime und Primärversorgungseinheiten unter der Hitze leiden. Das ist ungefähr so überraschend wie die Nachricht, dass Eiswürfel im Sommer schmelzen. Man stelle sich die Empörung in den Fluren vor, als entdeckt wurde, dass ausgerechnet jene Gebäude, in denen viele alte, oft schwer kranke Menschen auf engem Raum zusammenliegen, über keine Wüstenklimaanlage verfügen. Dreißig Hitzetage am Stück, und das in einem Land, in dem die letzte durchgreifende Sanierung ungefähr in der Ära von Kaiser Franz Joseph stattgefunden hat. Die Folgen? Heizend, amtsbekannt, aussichtslos.
Die zuständige Ministerin gibt sich erwartungsgemäß kämpferisch und spricht von einer komplexen Entwicklung, was der schönste Satz in der politischen Sprache ist, wenn man eigentlich keine Ahnung hat, was man sagen soll, aber dringend ein Mikrofon benötigt. Man sei mitten in der Analyse, heißt es, man wolle genau herausfinden, wo die Problemstellen liegen, welche Einrichtungen besonders betroffen sind und wo man gezielt ansetzen müsse. Das klingt, als würde der Notarzt auf dem Weg zur Unfallstelle erst einmal ausführlich die Straßenkarte studieren. Aber bitte, Analyse braucht Zeit, und wenn die Hitze inzwischen drei weitere Altenheime ins Schwitzen bringt, dann analysiert man halt über die Toten hinweg.
Die eigentliche Pointe aber ist eine andere. Während draußen die Quecksilbersäulen klettern, drinnen wird das Klima zum Organisationsprojekt. Eine neue Analyse, heißt es, schaffe erstmals eine österreichweite Grundlage. Eine Grundlage wofür, das bleibt offen. Vielleicht für die nächste Grundlage. Vielleicht für eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Grundlage befasst. Vielleicht für ein Förderprogramm, in dem man lernt, wie man die Grundlage richtig liest. Irgendwann, irgendwo, irgendwann sicher, kommt dann ein Flyer in die Postwurfsendung, auf dem steht, man solle bei Hitze viel trinken, lichte Kleidung tragen und Nachbarn fragen, ob sie noch leben. Das ist der Stand der Dinge in einem Land, das seine Toten zählt und seine Lebenden bürokratisch betreut.
Am Ende bleibt das beruhigende Gefühl, dass alles seine Ordnung hat. Die Sonne scheint, die Behörden rechnen, die Ministerin analysiert, die Daten werden Grundlage, die Grundlage wird Arbeitspapier, das Arbeitspapier wird Aktenvermerk, der Aktenvermerk wird in einem Archiv verschwinden, in dem die Klimaanlage ohnehin seit Wochen kaputt ist. Und der nächste Sommer kommt bestimmt. Mit neuen Rekorden, neuen Grundlagen und einer frischen Ministerin, die sich mitten in einer Analyse befindet.